100 km von Biel (645 Höhenmeter), 12./13.06.2009

von Gunnar Galuschki

Inzwischen sind ein paar Tage vergangen, die erste große Euphorie hat sich einigermaßen gelegt. Dennoch kommen immer wieder Momente der Ungläubigkeit durch, was da an jenem Wochenende vor sich gegangen ist. Nach meinem Abstecher 2007 in die Gefilde des Ultramarathons (K78 in Davos) und der Langdistanz letztes Jahr suchte ich für 2009 eine neue Herausforderung. Doch wirklich lange suchen musste ich nicht, eigentlich war ziemlich schnell klar, dass es die 100 km von Biel werden würden. Schließlich wollte ich vergleichen, ob Biel oder Davos härter ist.

Die Vorbereitung lief bis Ende Januar sehr gut, dann kamen verletzungsbedingt zwei harte Monate mit äußert unbefriedigendem Training. Erst ab April ging's dann wieder schmerzfrei. Der Hannover-Marathon Anfang Mai und die sich anschließenden fünf Wochen ultramarathonspezifisches Training waren so gut, dass ich mir keine allzu großen Sorgen machte, 100 km durchstehen zu können. Über mögliche Zeiten wollte ich eigentlich gar nicht nachdenken, aber selbstverständlich bekommt man die Frage gestellt, wie lange man bei sowas unterwegs ist. Ich prognostizierte also irgendwas um die 11 Stunden, vielleicht auch 12. Und wenn's länger dauern sollte, dauert's halt länger! Gesund durchzukommen, ist das Ziel. Eine Woche vorher ist es dann soweit, der erste Nervositätsschub durchläuft meinen Körper, ich bekomme Angst vor der eigenen Courage.

In den folgenden Tagen passiert das immer mal wieder, zum Glück hält das jeweils nur kurz an. Der Lauftag nähert sich, ich ergänze meine Ausrüstung um eine Stirnlampe, schließlich ist es ein Nachtlauf und ich will nicht wegen so einer Kleinigkeit scheitern. Am Vortag laufe ich noch bei der 5x5-Staffel im Tiergarten mit, schließlich stellt meine Firma 33 Teams, darunter ein schnelles. Dass ich dort nicht auf 100% laufen werden, habe ich rechtzeitig angekündigt, dennoch meint man, dass ich trotzdem ins schnelle Team gehöre. Bin darüber nicht glücklich, fühle mich aber natürlich geehrt und gebe mich geschlagen. Mit 20,5 Minuten gelingt es mir tatsächlich, deutlich langsamer zu laufen als möglich, dennoch ist es schneller als gewollt. Über mögliche Folgen für den kommenden Tag will ich lieber gar nicht nachdenken.

Nach kurzer Nacht fahre ich Freitag früh mit der BVG zum Flughafen Schönefeld, verpasse fast meinen Flug, weil die Bahn mitten auf der Strecke wegen "technischer Probleme" liegenbleibt und ich sowieso knapp kalkuliert hatte. Bin schon am Schwitzen und buche mental bereits einen Mietwagen, um nach Stuttgart runter zu rasen. Ich bekomme zum Glück aber den Flug und er vergeht wie im selbigen. In Stuttgart angekommen werde ich von meinem Freund und Radbegleiter Matthias abgeholt. Schnell noch fürs Wochenende einkaufen, dann chillen, mittagessen, packen, losfahren. Die 350 km von Stuttgart nach Biel sind ok, beeilen müssen wir uns nicht. In Biel um 19 Uhr angekommen, parken wir recht nah am Start, 200m quer über den Sportplatz, perfekt. Um uns herum lauter chillende Läufer in Schlafsäcken, die die Beine hochlegen. Startnummer geholt, die Velo-Begleitung angemeldet und zurück zum Auto zum Abhängen. Die 5x5km-Staffel vom Vortag spüre ich deutlich, aber ich hoffe, dass es keine schlimmeren Auswirkungen haben wird. Gegen 21 Uhr umziehen, mit anderen Läufern ins Gespräch gekommen und aufgrund der 2xu-Tights (mit Kompressionswirkung) große Erwartungen entgegengebracht bekommen. Die sehen einfach schnell aus! Matze macht sein Rad klar, packt nochmal seinen Rucksack und dann los Richtung Startlinie.

Die Radbegleiter starten 20 min vor den Läufern und werden zu km 23 gebracht. Eine auf jeden Fall sinnvolle Maßnahme! Also Matze verabschiedet und ein letztes mentales Sammeln vor dem Startschuss. Ich stelle mich recht weit nach vorn, aber mit Respekt-Abstand zur ersten Reihe. Dann fällt der Startschuss und ab geht die Post, gefühlt viel zu schnell. Km 1 in 5:07 min. hmmmmm.... Ich beschließe, vor km 5 nicht mehr auf die Uhr zu schauen, sondern mich auf Atmung und Rhythmus zu konzentrieren. Die ersten km geht es durch Biel, unglaublich viele Zuschauer für einen so kleinen Ort um 22+x Uhr! Bei km 5 habe ich 25:02 min auf der Uhr. Denke, das wird sich rächen. Aber rückgängig kann ich das nun auch nicht mehr machen. Jetzt geht es zum ersten Mal in die Dunkelheit auf die Landstraße, die ersten Stirnlampen werden eingeschaltet. Bei km 8 kommt eine Steigung, ungefähr wie der Willi, vielleicht 1,5 km lang. Hoch hart, aber kein Problem zu laufen. Aber dann geht's runter. Heftig! Werde von vielen überrannt und mache bewusst langsam. Danach geht's so richtig in die Dunkelheit. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Bei km 10 habe ich 52 min auf der Uhr, also gleiches Grundtempo wie zuvor plus der Berg.

Der nächste Teil der Strecke ist wirklich dunkel. Keine Laternen, kein Mondlicht, kein nichts. Nur das Zucken der Stirnlampen. Einige der Wege laufen sich nicht so gut, hänge mich an Läufer mit Stirnlampen dran, dann weiß ich wenigstens ungefähr, was meine Füße erwartet. Es kommen kleine Ortschaften, in denen echt Party gemacht wird, aber komplett ohne Musik, nur Leute! So langsam nähern wir uns Mitternacht, von Müdigkeit oder Erschöpfung keine Spur. Ich beginne zu denken, dass unterhalb meines Brustkorbs eine selbständige Maschine arbeitet, um die ich mich nicht kümmern muss. Ich höre in der kompletten Finsternis ein tapp-tapp-tapp, weiß, es sind meine Füße, aber irgendwie hat es nichts mit mir zu tun. Bei km 18 eines der Highlights des Laufs: eine alte komplett überdachte Holzbrücke in Aarberg. Plötzlich herrscht wieder Volksfeststimmung, obwohl bis dahin nur Stille herrschte. Gefühlte tausende Zuschauer jubeln und feuern an. Und zwar jeden einzelnen Läufer, denn das Feld ist schon längst eine Perlenkette. Ich bekomme eine Gänsehaut und freue mich einfach nur. Pure Emotion. Doch so schnell wie es kam, geht es auch wieder. Kaum aus dem Ort raus verschluckt uns wieder die vollkommene Dunkelheit. Bei km 20 habe ich 1:46 auf der Uhr, denke, das ergäbe eigentlich eine ganz ordentliche HM-Zeit, aber ist das nicht zu schnell? Die Beine sind extrem locker, nur in den Anstiegen und bergab-Passagen merke ich, dass da schon ordentlich km gelaufen sind.

Bei km 23 sollen die Radbegleiter zu uns stoßen, ich freue mich schon auf den Moment. Der Einlauf in jenen Ort ist entsprechend merkwürdig: Rechts und links haben sich die Begleiter postiert, im Fischgrät-Muster. Ich versuche gar nicht erst, Matze zu erkennen, hoffe darauf, dass er mich schon sehen wird. Und wirklich, es klappt super. Höre von ihm den bisherigen Rennverlauf: Die ersten drei haben Giga-Abstand zu den nächsten, die Nummer 1 ist aber schon da deutlich vorn. Bis dahin haben nur wenige Läufer einen Radbegleiter. Ich denke, im hinteren Feld wird das mehr. Jetzt beginnt für Matze der harte Teil der Arbeit. In Schrittgeschwindigkeit neben oder hinter mir zu radeln, ohne umzufallen, mir in die Füße zu fahren oder andere Läufer zu behindern. Vorweg sei gesagt: Er macht einen super Job, perfekt. Die nächsten km tauschen wir uns aus, er staunt, dass es bei mir noch immer so gut läuft. Es kommen die ersten Steigungen, die ich gehe, denn die Davos-Erfahrung sagt mir, dass man fast genauso schnell ist, aber deutlich entspannter danach weiterlaufen kann. Die Taktik geht auch auf. Bei km 30 habe ich 2:42 Std. auf der Uhr, also wieder 10 km in deutlich unter 60 min. Von mir aus kann's so weitergehen! Bei km 35 kommt dann das erste mentale Tief. Mir geistert durch den Kopf, dass das mal gerade ein Drittel der Strecke war und der harte Teil erst noch kommt. Bis km 50 kommen mir sporadisch immer wieder diese Gedanken, ich nehme mir aber vor, das bis km 55 hintanzustellen, denn ab da kommt eine markante Änderung der Strecke. Zuvor passieren wir aber km 40 mit 3:41 und km 50 mit 4:42. Gehpausen gibt es bis dahin nur an Verpflegungsständen während des Essens/Trinkens und in den Steigungen. Sonst ist es nicht nötig.

Bei km 55 ist es dann soweit, es kommt der Streckenabschnitt, den ich am meisten fürchte. Eine Passage durch den Wald, der so genannte "Ho Chi Minh-Pfad", unbeleuchtet, keine Fahrradbegleitung erlaubt, uneben. Matze gibt mir meine Stirnlampe und wir trennen uns. Nach ca. einem km überhole ich einen Läufer, der mich durchlässt. Wir kommen kurz ins Gespräch, er klagt mir sein Leid, dass es bei ihm heute nicht läuft. In den vorangegangenen Wochen hatte er den Rennsteig-Ultra gemacht und hinterher Grippe-krank im Bett verbracht. Ich denke bei mir, dass er unter diesen Voraussetzung gar nicht hätte starten dürfen. Letztes Jahr sei er ja in Biel unter 9 Std. gelaufen, dieses Mal müsse er sich in Geduld und Demut üben. Wenn er so weitertraben könnte, würde es wenigstens für 10 bis 10:30 reichen. Zum ersten Mal flackert mir der Gedanke durch den Kopf, dass das dann ja für mich genauso gilt!!! Wir verabschieden uns und ich lege etwas Tempo drauf. Der Pfad ist wirklich an manchen Stellen kriminell zu laufen. Aber die wirklich pure Unglaublichkeit ist, dass da Staffelläufer durchjagen, die keine Stirnlampe haben. Alle 200 Meter steht ein Orientierungslicht, auf das man zuläuft. Mehr Orientierung hat man aber nicht. Ich beglückwünsche mich dazu, mir doch noch eine Stirnlampe angeschafft zu haben, die mir den Weg super ausleuchtet. Dennoch vertrete ich mir fast ein dutzend Mal die Füße, kann aber immer alles locker abfangen.

Bei km 60 gibt es dann zum ersten Mal einen Verpflegungspunkt mit Musik. Die machen da mitten im Wald Party und feiern sich und die Läufer. Die kommenden km laufen sich zum Teil wieder besser, für die letzten 10 km habe ich 57 Minuten gebraucht und bekomme einen Schreck wegen des Tempos. Schließlich ist es irgendwann bei km 67 geschafft, das Waldstück ist zu Ende, Matze stößt wieder dazu. Er ist überrascht, mich schon zu sehen, und erzählt mir, dass ich (angeblich) immer noch locker aussehe. Einerseits fühle ich mich nach wie vor gut, andererseits ist es jetzt kurz nach vier Uhr morgens, vielleicht ist ja sein Blick müdigkeitsbedingt auch etwas getrübt. Bei km 70 schaue ich mal wieder auf die Uhr und sehe, dass ich für die verbleibenden 30 km noch 3:18 Std. Zeit habe. Je 66 min auf 10, das muss man doch schaffen können... Ich bin ob dieser Unglaublichkeit total begeistert, zügele mich aber, denn 30 km sind 30 km! Da kann noch sehr viel passieren. Es dämmert, endlich sieht man mal, wo man langläuft. Eine Irrsinnsstimmung breitet sich aus, die Natur erwacht. Mir geht es weiterhin gut, aber den großen Kick, von dem andere Läufer berichten, habe ich nicht. Die Dunkelheit hat den Vorteil, dass man keine Bezugspunkte hat und einfach vor sich hin trabt. Jetzt sieht man plötzlich kleine Steigungen, den Abstand zu anderen, dass keine Verpflegungsstände in Sicht sind etc. Dennoch, endlich kann man die wunderschöne Landschaft genießen, sieht die Getreidefelder, die Flüsschen, Brücken, Fachwerkhäuser in den Ortschaften. Ich beginne, nicht mehr in 10 km Abschnitten zu denken, sondern in 5 km Abschnitten.

Ich möchte abschätzen, ob die 10 Stunden tatsächlich realistisch sind. Die kommenden 2x 5 km sind auf jeden Fall nicht so besonders schnell, das liegt an zwei dicken Steigungen und dem Aufenthalt an den Verpflegungsstellen. Bei km 80 habe ich noch 2:09 Std. Zeit, also je 64,5 min auf 10. Ich beschließe, die Gehpausen aufs Notwendigste zu reduzieren. Immerhin ist die Strecke jetzt recht flach, so dass man konstant laufen kann. Ich fühle mich weiterhin gut und kann es noch immer nicht glauben... Bei km 85 merke ich, dass ich wieder schneller geworden sein muss, denn ich habe wieder etwas mehr Luft, mein Ziel zu erreichen. Ob ich die Ziellinie sehen werde, steht inzwischen außer Frage. Ich genehmige mir eine kleine Gehpause, um die Monotonie des Laufens zu unterbrechen. Aber nur für 20 oder 30 Meter, danach geht es gleich weiter. Bei km 90 sehe ich, dass ich mir 71 min Zeit lassen kann für den Rest der Strecke. Zur Belohnung gönne ich mir eine weitere Gehpause und freue mich auf km 95, denn ab da zählen sie wieder jeden einzelnen Kilometer.

Bei km 99 macht Matze noch ein paar Photos von mir. Das km 99-Schild ist eines der meistphotographierten Motive des Laufs! Ist ja eigentlich auch klar! Dann schicke ich Matze los zum Ziel und lasse mir noch etwas Zeit, damit er auch meinen Zieleinlauf festhalten kann. Das gelingt zwar nur von hinten, aber die Profi-Photographen knipsen ja von vorn. Der Zieleinlauf fühlt sich gut an, es ist geschafft! Eine unglaubliche Befriedigung breitet sich aus, ich kann es kaum glauben. Vor allem die Zeit hätte ich niemals zu glauben oder hoffen gewagt. Die Uhr bleibt offiziell bei netto 9:52:19 stehen. Hinterher warte ich auf den großen körperlichen Einbruch, aber er kommt nicht. Ich habe gerade eine Nacht durchgemacht, stehe aber noch total unter köpereigenen Drogen. Erst langsam kommt die Erschöpfung und Müdigkeit. Im Auto Richtung Bodensee fallen mir dann immer wieder die Augen zu, aber irgendwas lässt mich nicht schlafen. Wir machen Pause in einem Freibad am Bodensee und pennen jeder ein Stündchen. Das tut gut und wir brechen wieder auf gen Stuttgart.

Am Nachmittag und Abend kann ich dann fast nicht gehen. Mir tun beide Knie höllisch weh, außerdem noch die Lendenwirbelsäule und der rechte Fuß ein bisschen. Seltsamerweise sind die Muskeln frei! In der Nacht schlafe ich satte elf Stunden, das ist fast doppelt so viel wie im Alltag. Allerdings werfe ich mir prophylaktisch auch ein Schmerzmittel ein, damit ich nachts nicht vom Umdrehen wach werde. Am Sonntag sind dann die Knie wieder weitestgehend ok, Muskelkater hat sich immer noch nicht eingestellt. Der kommt auch nicht mehr. Am meisten tut der Spann des rechten Fußes weh, da hat der Schuh etwas gedrückt. Für einen 100er sind das aber extrem harmlose Begleiterscheinungen! Das Rennen war echt ganz dicht an "perfekt" dran. Die schnellen 5 km vom Vortag waren sicherlich dämlich, haben sich zum Glück aber nicht bemerkbar gemacht. Das Training war ausreichend, auch wenn ich im Vorfeld immer mal wieder daran gezweifelt habe. Der Vergleich Biel/Davos: Davos kann man schneller hinter sich bringen als Biel, dafür knallen dort die Höhenmeter viel mehr rein. Das was man in Davos mehr gehen muss, muss man in Biel länger laufen. Der Faktor "Nacht" spielte für mich gar keine Rolle. In Davos muss man aber fast jederzeit ganz bewusst die Füße setzen, in Biel nur streckenweise. Ich denke, das und die Davoser Höhenlage machen den Hauptunterschied! Außerdem ist das Läuferfeld in Davos viel ausgesuchter, die Höhenmeter schrecken anscheinend viele ab. Es heißt, jeder Läufer muss einmal in seinem Leben nach Biel. Ja, vielleicht ist das so, wenn man mehr als Marathon laufen will.


© TriGe Sisu Berlin; 20.6.2009