Bericht Brocken Marathon 11.10.2014

von Denise Kottwitz

Der Harz-Gebirgslauf oder auch Brockenmarathon genannt, war mein auserwählter Marathon des Jahres. Er wirbt mit dem Titel "Schwerster Marathon Norddeutschlands". Mich reizte aber nicht dieser Titel, sondern mal im Rahmen eines Marathons einen Berg zu erklimmen. Das zu überwindende Streckenprofil sieht wie folgt aus: 9 km mit kleinen auf und ab´s auf einer Höhe, dann 10 km 1000 Höhenmeter zu überwinden, dann auf dem 1142m hohen Brocken zu triumphieren und dann 23 km lang wieder ins Tal laufen. Die Schwierigkeiten der Strecke ließ ich einfach auf mich zukommen, viel mehr mache ich mir im Vorfeld Gedanken um die Kleidung. Anfang Oktober kann es auf dem Gipfel schon mal zu Schnee und gefühlten minus siebzehn Grad kommen. Aber die Wettervorhersage liegt bei acht Grad, allerdings Regen. So entscheide ich mich eine Regenjacke, Handschuhe und ein Tuch auf den Lauf mitzunehmen.

Die Unterlagen holen wir schon Freitagabend im Rathaus Wernigerode ab, und können den Lauf so Samstag entspannter angehen. Da wir nur eine Unterkunft außerhalb von Wernigerode gefunden haben (man hätte sich rechtzeitig kümmern sollen), reisen wir mit dem Auto an. Im Start-Ziel Bereich gibt es für die 3000 Starter auf den unterschiedlichen Distanzen zu wenig Parkplätze - da mein Mann erst eine Stunde später beim Halbmarathon startet, kümmert er sich darum, und ich komme pünktlich auf die völlig durchgeweichte Startwiese. In der Nacht hat es ordentlich geregnet, ansonsten haben wir typisches Harzwetter: Nebel. Nach üblicher Ansprache von Organisatoren und Bürgermeister fällt der Startschuss und es geht ganz langsam los, untermalt mit "Auf, auf zu fröhlichem Jagen" eines Waldhornbläsers. Erst matschige Wiese, dann Pampe und es geht gleich bergan. Jeder schaut konzentriert auf den Boden, nur nicht wegrutschen und hinfallen. Nach 2 km wird der Weg breiter und fester, und man kann sein eigenes Tempo laufen. Die kleinen auf und ab´s der ersten Kilometer erweisen sich als ziemliche Steigungen und würden schon einen anspruchsvollen Marathon auszeichnen. Die Gespräche um mich herum gehen auch nur um das Thema Kleidung: und von leichtem Trägerhemdchen bis Rollkragenpullover ist alles dabei.

In Ilsenburg erreichen wir den ersten Verpflegungspunkt mit einer Moderation wie bei einem Zieleinlauf. Das aufgebaute Büffet ist gigantisch und interessant. Der Haferschleim ist ja bei verschiedenen Landschaftsläufen Tradition, aber Vitamalz habe ich noch nie im Angebot eines sportlichen Wettkampfs gesehen. Ein Läufer meint zu mir, wir werden das Zeitlimit schon schaffen, denn der Gipfel muss nach drei Stunden erreicht werden, sonst heißt es DNF.

Auf breitem Wanderweg geht es weiter bergan, anstatt Percussion Bands murmelt hier der ein oder andere Bach. Nun wird es noch steiler. Viele um mich herum gehen schon, ich versuche den Laufschritt bei zuhalten. Dann geht es flacher weiter, alle laufen wieder. Aussicht gleich null. Aber immerhin kein Regen. Eine weitere heftige Steigung, ich laufe immer noch. Ein Blick auf die Uhr verrät 8:42 min pro km - dabei überhole ich immer noch alle, die schon wieder beim Gehen sind. Dann eine Kurve, die berühmten Betonplatten des Brockengipfels, die Knie an meiner Brust und auch ich muss das Laufen aufgeben. Nun kommen meine Wanderkompetenzen zum Einsatz: mit großen Schritten geht es bergan, und ich bin überraschenderweise eine von den schnelleren Marschierern. Aber das Ganze geht wahnsinnig auf den Rücken. Noch 3 Kilometer auf den Gipfel. Der Rücken schmerzt. Ich zwinge mich wieder in den Laufschritt, richte mich auf und der Schmerz wandert direkt vom Rücken in die Beine. Es gibt wieder eine Versorgungsstation. Ich nehme nur einen Tee. Ich will erstmal oben ankommen. Außerdem werden vom Veranstalter hier noch "Regenjacken" (=Mülltüten) verteilt, ich beschließe keine zu brauchen. Noch 2 Kilometer - laufen und wandern wechseln sich ab. Wir erreichen das Kilometer 19 Schild und aus dem Nebel ist auch der Funkturm zu erkennen.

Nach 2:16h stehe ich auf dem Gipfel, und lasse mich stolz fotografieren. Jetzt "nur noch" 23 km bergab - fast, ich weiß dass noch zwei kleinere Anstiege folgen. Aber erstmal werfe ich die Regenjacke über, denn es geht im Sauseschritt auf der Straße bergab. Ich laufe einen Schnitt unter 5 Minuten, und fange mir wirklich an Gedanken zu machen: wie lang kann man eigentlich bergab laufen, und was passiert wenn die Muskeln versagen? Zum Glück ist der Straßenabschnitt vorbei und wir biegen auf einen Wanderweg. Hier muss ich mich wieder konzentrieren, wo ich hintrete und habe keine Zeit mehr für negative Gedanken. Außerdem hat es richtig angefangen zu regnen, meine Füße sind schon nass und es ist echt kühl, so dass ich auch noch froh über meine Handschuhe bin.

Aber die Kilometer fliegen so an mir vorbei, es wird wärmer und hört auf zu regnen - ich kann ab Kilometer 27 meine Jacke wieder verstauen. In regelmäßigen Abständen kommen Verpflegungsstationen. Viele meiner Mitläufer machen hier längere Pausen, setzen sich sogar hin. Da mich einige später wiederholen, scheint dies auch eine machbare Strategie zu sein. Überhaupt, mit sehr vielen Läufern überhole ich mich öfters auf der Strecke. Es geht stets bergab, bis wir Kilometer 32 erreichen: ich versuche die ersten Meter dieses Anstiegs noch laufend zu bewältigen, gebe aber wie alle anderen um mich rum auf, und gehe. Zum Glück schmerzt der Rücken nicht mehr so. Nach bewältigen dieses Anstieges geht es wieder fröhlich begrab. Doch nicht allzu lang, denn statt des Mannes mit dem Hammer kommt bei Kilometer 36 nochmals ein Anstieg. Ich gehe, und denke bei mir: jetzt ist aber echt genug! Mein Denken wird erhört, ein Plakat mit "von jetzt an geht es nur noch bergab" beflügelt mich. Die befürchteten Einschränkungen des Bergablaufens treten gar nicht ein, und ich kann fast noch mal richtig Gas geben. Fast, denn die letzten zwei Kilometer sind eine glitschige Wiese und matschiger Weg. Die Pampe spritzt nur so nach oben. Alle dreihundert Meter steht ein Sanitäter, was die Gefährlichkeit der Strecke klar widerspiegelt. Ein Banner mit noch 1000 Meter, ein dunkles Waldstück und plötzlich hunderte von Leuten, laute Musik, Beifall - ich schlittere mit 4:32h ins Ziel. Es gibt eine Medaille mit der Brockenbahn drauf, ich finde den Spruch "Mit den Harzer Schmalspurbahnen zum höchsten Gipfel Norddeutschlands" reichlich unpassend, und meine Beine finden das erst Recht.

Das Gesamtresümee: wirklich ein Marathon der besonderen Herausforderung. Organisation auf der Strecke top, im Start/Zielbereich verbesserungswürdig (Parkplätze, oder was einen Platz zum Hinsetzen nach Zieleinlauf betrifft). Da dies mein nördlichster Marathon bisher war, kann ich nicht beurteilen, ob es der schwerste in Norddeutschland ist. Aber Härte ist für jeden etwas anderes, ich finde einer bestimmten Zielzeit beim Straßenmarathon hinterherzurennen viel qualvoller, aber was den Muskelkater betrifft ist der Lauf sicher nicht zu toppen.

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© TriGe Sisu Berlin; 17.10.2014