Darß (Halb)marathon 22.4.2018

von Denise Kottwitz

Dieses Jahr fiel die Wahl für einen Frühlingsmarathon auf den Darß. Strecke und Natur sind verlockend: für den Marathon geht es quasi einmal um die Insel - Boddenlandschaft, Darßer Urwald und am Steilufer entlang der Ostsee. Dabei werden alle Orte des Darß passiert. Der Halbmarathon findet auf dem ersten Teil auf gleicher Strecke hat, also sieht man nur die halbe Insel. Ist ja auch eigentlich eine Halbinsel.

Ich war das letzte Mal 1990 auf dem Darß, daher freute ich mich schon auf diesen Ausflug. Das Hotel wurde im Start/Zielort in Wieck gebucht. Die Anmeldung für den Lauf öffnete im Dezember, und ich staunte nicht schlecht, dass der Halbmarathon nach 2 Wochen komplett ausgebucht war. Zum Glück gab es Sonderkontingente für einige Hotels, darunter unsers, und so bekomme ich doch noch meinen Startplatz.

Auch das winterliche Training lief hervorragend, und so sehe ich die Möglichkeit einen Halbmarathon unter 1:40 Stunden zu finishen. Allerdings wird auf der Veranstalterseite ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Strecke - vor allem bei windigem Wetter - nicht für Bestzeitenjagd geeignet ist. So träume ich von 16 Grad, Sonne und wenig Wind für den Lauf. Und mein Traum sollte in Erfüllung gehen. Während die gesamte Republik schon in sommerlicher Hitze vergeht, ist es an der Ostsee noch recht kühl, aber die Sonne setzt sich auch hier durch.

Nach stressiger Anreise wegen Stau am Freitag (3 Stunden mit dem Auto vom Südkreuz bis auf die nördliche A10, also fast 6 Stunden für die gesamte Fahrt), geht es Samstagmorgen gleich los die Startunterlagen abzuholen. Meine Nachmeldung über das Sonderkontingent ist leider verschlampt worden, aber ich kann die Meldung noch zu den ursprünglichen Bedingungen durchführen. Dazu komme ich nicht, da eine verletzte Sportlerin ihren Startplatz abgeben will. Und so melden wir um, ich bekomme den Platz etwas günstiger und die andere freut sich, dass der Verlust nicht ganz so groß ist. Lediglich steht nun "Corinna" auf meiner Nummer.

Der Rest des Tages wird locker mit einer Inselrundfahrt verbracht. Es ist total nett, da man in jedem Ort mit kleinen oder großen Schildern begrüßt wird, z.B. "Prerow grüßt seine Läufer". Ich mache ein paar Fotos im Darßer Urwald oder am Ostseestrand, denn während des Laufs wird keine Zeit bleiben.

Am Tag des Rennens bietet das Hotel sogar das Frühstück zeitiger an, was v.a. für die Marathonläufer mit Start um neun, wichtig ist. Nach dem Start der Marathonläufer, die ich kräftig anfeuere, wird es auch für mich ernst. Rein in die Laufsachen, etwas aufgewärmt, noch ein Foto vor dem Start.

Da es für mich ein wichtiger Lauf ist, ordne ich mich recht weit vorn ein und kann nach dem Start gleich gut loslaufen. Vielleicht etwas schnell, dann aber im konstanten Schnitt von 4:41 min. Es geht auf breitem asphaltiertem Radweg durch eine weite Wiesenlandschaft. Bei Kilometer fünf kommt dann doch etwas Wind auf, aber ein Läufer mit "Steffen" auf der Startnummer kann mir Windschatten spenden, dann übernehme ich den Part bis wir in Prerow ankommen.

Die Stimmung ist in dem kleinen Ferienort grandios. Die gesamte Strecke ist rechts und links von singenden, klatschenden und rufenden Gästen gesäumt. Die Kneipe schenkt Bier aus. Vor dem Museum findet ein Spinnmarathon statt. Jeder der ein Spinnrad hat kann teilnehmen um einen 42 Meter langen Faden zu spinnen. Ich verschärfe das Tempo im Ort etwas, um die Windstille und den festen Asphalt unter den Füßen zu nutzen. So hole ich einen Läufer im blauen Shirt ein, der bisher konstant vor mir gelaufen ist. Er fragt nach unserem Tempo und meint, dass er zu schnell unterwegs sei. So ziehe ich an ihm vorbei.

Im Wald wird es landschaftlich traumhaft, aber natürlich braucht man mehr Kraft. Der Weg ist auch etwas uneben. Erst Waldboden, dann ein paar Betonplatten. Gesamttempo stimmt, wir erreichen Kilometer 13. Ich sehe wieder viele Fans, was auf eine Versorgungsstation hindeutet. Ich will mir ein Gel gönnen, und blicke noch mal nach vorn, ob es wirklich auch Wasser gibt. Mit dem offenen Gel in der Hand merke ich wie ich mit dem linken Fuß an einer Kante hängen bleibe, ich schaue nach unten und kann den Fuß nicht mehrnachziehen. Innerhalb von hundertstel Sekunden gelingt es mir das Gewicht nach rechts zu verlagern um nicht auf den Steinen sondern auf dem Rasen zu landen. Es geht abwärts, so wird aus dem Sturz eine Rolle, die ich mit einem kräftigen Schlag des rechten Armes auf den Boden abfange. Ein Zuschauer stürzt helfend auf mich zu, aber ich stehe schon wieder. Es tut nichts weh. Also langsam los, Gel gelehrt, Wasser gegriffen, geguckt was der Kreislauf macht. Nach ein paar Metern habe ich mich gefangen und freue mich eine perfekte Judorolle hingelegt zu haben. Mein Sportlehrer im Abi meinte so eine Rolle sollte jeder beherrschen. Auch wenn ich bis heute mit Judo nicht viel anfangen kann, bin ich nun dankbar auch mal in diese Sportart reingeschnuppert zu haben.

Mit den Gedanken über den Sturz vergeht der nächste Abschnitt wie im Fluge. Der Läufer im blauen Shirt ist dadurch wieder vor mir, aber ich schaffe mich ran zuarbeiten. Raus aus dem Wald in der Ortschaft Born begrüßt er mich und freut sich, dass ich als sein Tempomacher wieder da bin. Allerdings ist er etwas besser drauf, und so läuft er ca. 50 Meter vor mir, als es auf die letzten drei Kilometer geht. Zusammen mit meinem Kompagnon "Steffen" der ersten Kilometer. Ich hänge mich an einen Läufer aus Rostock bis Kilometer 19, dann überlässt er mir die Führungsarbeit. Die Uhr zeigt einen 4:42er Schnitt, also jetzt nur noch Tempo halten. Gar nicht so einfach, denn der letzte Abschnitt ist ein Radweg, traumhaft am Boddenufer gelegen, allerdings recht weich. So hat man das Gefühl, die Kraft verschwindet buchstäblich im Sande.

Dann ist sie endlich da, die erwartete Zielgerade. Rein in den Ort Wieck. Welch ein Jubel und Trubel, man wird regelrecht ins Ziel getragen. Ich sehe den Zielbogen mit 1:39:1X… genug Zeit für die letzten Meter. Geschafft!!! Es gibt eine getöpferte Medaille, eine Kachel quasi - ziemlich schwer.

Dann kommt auch noch die Ansage ich sei die dritte Frau, was für ein Bonbon. Das wird mir aber ein paar Sekunden darauf weggenommen, als ich als vierte korrigiert werde. Egal, wichtig ist heute die Zeit. Und die Komplimente, die mich in den folgenden Minuten erreichen. Es stellt sich nämlich heraus, dass ich nicht nur für den Läufer im blauen Shirt als Tempomacher herhalten musste. "Super gelaufen", "schön gleichmäßig", "ich habe mich immer an Dir orientiert", "Frauen können immer so gut das Tempo halten und Triathleten sowieso" - waren einige Aussagen, die ich vom "starken Geschlecht" zu hören bekam. Leider konnte ich die Atmosphäre nicht allzu lang genießen, denn es wurde trotz Sonnenschein gleich recht kalt.

Nach kurzer Duschpause ging es zurück zur Siegerehrung. Es gibt reichlich Zuschauer, da ein kleines Volksfest mit Kinderhüpfburg, Bierwagen und so weiter veranstaltet wird. Leider werden in den Altersklassen nur für die Gewinner prämiert, und da die Läuferin vor mir auch diese AK belegte, darf ich nicht auf das riesige Heupodest klettern.

Ich schaue noch bei den Marathonfinishern zu und werfe einen Blick auf die Ergebnisliste: ich habe etwa 800 Läufer hinter mir gelassen, davon 300 Frauen. Ich bin ein wenig von mir selbst beeindruckt.

 


© TriGe Sisu Berlin; 29.4.2018