Ironman Germany, Frankfurt/M 4.7.2010

von Stuart Yule

Freitag

Na ja, die meisten Wettkampfberichte fangen vor dem Wettkampf an und enden mit dem Zieleinlauf, dies ist möglicherweise der erste Wettkampfbericht der nach dem Wettkampf beginnt…!

Ich war gut vorbereitet, 2 Wochen Tapering, ein schneller kurzer Tri Sprint im Spreewald 2 Wochen zuvor, keine Verletzungen, 100% top-fit, alles eigentlich optimal. Bin Freitag hingefahren (allein – Cigdem ist erst Samstag mit der Bahn hingereist), ich kam gegen 15:00 Uhr an, checkte im Hotel ein und bin zur englischen Wettkampfbesprechung gegangen. Dort habe ich Harry getroffen. Alles die üblichen Sachen. Aber am wichtigsten - NEO VERBOT! Das Wasser war Freitag 24,8 Grad mit Tendenz wärmer zu werden. Wir haben mehr oder wenger Neoverbot erwartet, jetzt wars offiziell. Ok, ich bin nie 3,8 km ohne Neo geschwommen, aber für alle galt das gleiche. Interessant war auch, dass es ein Speedsuit verbot gab, na ja, steckt die Blue Seventy Speedsuits wieder weg!

Freitagabend war locker, bin mit Matthias, seiner Frau und einem Rolls-Royce Kumpel essen geganen, wir haben auf die Pasta Party verzichtet, zu warm, zu voll und zu viel Stress. Ab ins Bett.

  

Samstag

Samstag war super warm, wahrscheinlich 36 Grad, sogar wärmer. Cigdem ist angekommen. Wir haben unser Bike Check-in gemacht, und dannach haben wir ein Cafe gefunden wo wir das Spiel gegen Argentinien angugucken konnten. Abendessen und anschließend ab ins Bett - warm - leider hatte unser Hotel keine Klimaanlage!

Sonntag - Wettkampftag

Der Wecker klingelt um 03:45. Aufwachen, anziehen und frühstücken. Habe versucht 600 + Kalorien reinzustopfen. Pünktlich kam Matthias und wir sind zu den Bussen gelaufen die im 10 Minuten takt die 12km Strecke zum Schwimmstart fuhren. Wir zeitig angekommen, keine Reifenplatten (habe die Luft Samstagnachmittag beim Check-in rausgelassen). Alles war in Ordnung, habe meine Sachen vorbereitet, mir eine ruhige Ecke gesucht und mich mental auf den kommenden Wettkampf vorbereitet.

Das Wetter war bewölkt, angesagt waren 30-32 Grad, eigentlich angenehm warm, und ähnlich wir in Ferroplis. Ich habe einen Platz vorne links gefunden, das Wasser war angenehm warm, und man konnte stehen im Wasser. Die Profis + 300 AK sind um 06:45 gestartet, unser Start folgte 15 Min später.

Wie erwartet, alle 2100 Triathleten zusammen war wie in einer Waschmaschine, aber ich habe mein Revier verteidigt und bin trotz des Chaos relativ gut durchgekommen. Bis zur ersten Boye (etwa 0,9 km), war es sehr voll, aber es verteilte sich langsam und trotz eines kleinen Seitenstichs (möglicherweise ein erstes Warnzeichen - lies weiter!), ging alles einwandfrei.

Bin nach 01:09:52 aus dem Wasser, 111 in meine AK, war eigenlich sehr happy, 6 Minuten langsamer als Roth 2009, aber diesmal ohne Neo. Die Strecke zu der Wechselzone und T1 war sandig und bergauf, etwa 200m lang. Es war hart, aber ich habe mich gefreut Cigdem zu sehen. T1 war sehr schnell - nur 03:57 (obwohl ich meine 2XU Calf Guards vergessen habe - Doh!), und ich habe mich an mein neues zu Hause für die nächsten 5 Stunden gewöhnt.


Foto: klitschenkammer.de
  

Die Radstrecke fuhr stadteinwärts etwa 12 km, war leicht bergab und rollte sehr schnell. Dann fing die erste lange Runde an. Ich wollte ein bisschen raus nehmen, weil ich wusste dass der Lauf sehr hart und warm wird (wie hart habe ich aber nie erwartet!) Erst Runde ging einwandfrei. Jeder hat mir gesagt dass Frankfurt schneller als Roth ist und ich stimme jetzt zu. Auf der Strecke kann man gut rollen und es gibt weniger Kurven wie in Roth. Die paar Hügel sind eingentlich ok, aber "The Hell" – etwa 400m Kopfsteinpflaster – schulten die Zähne! Wegen einer Baustelle mussten wir eigentlich 5km mehr fahren (185 km statt 180 km), aber war kein Problem.

Die erste Runde habe ich in 02:28 absolviert, 162 in meine AK, die zweite Runde lief besser, habe mich gut gefühlt und einige überholt. Endergebnis der 2. Runde war 02:34 (115'er AK), mit einer Gesamtradzeit von 05:24 (136'er AK). Auf dem Rad habe ich mich gut ernährt und viel getrunken (plus Salztabletten), aber ich habe gemerkt dass ich wahnsinnig viel geschwitzt habe, na ja - wahrschienlich ein zweites Warnzeichen...

Nach einer schneller T2 Wechsel (01:29 ink. Pinkelpause), gings los mit Laufen… Normalerweise meine stärkste Disziplin, aber innerhalb weniger Meter merkte ich, dass es irgenwie hart war. Mein Plan war einen 5'er Schnitt zu laufen, 4 Runden mussten absolviert werden, jede etwa 10,5 km lang, plus ein paar hundert Meter Zieleinlauf. Die erste Runde ging ungefähr nach Plan mit einer 54 Minuten Runde. Die nächsten 3 Runden gingen progressiv langsamer und schwerer (57, 01:02 und 01:10). Ich fand es anstrengend locker zu atmen und fühlte mich schlapp und schwer. 5 km vorm Ziel holte ich Matthias ein. Leider sah er nicht gut aus und hatte noch eine Runde zu laufen. Wir haben kurz miteinander gesprochen und uns eine Gehpause bei einer Trinkstation gegönnt.

Nach einem sehr anstrengenden 04:04 Marathon und insgesamt 10:44 Stunden unterwegs war ich mehr als froh den Roten Teppich und die Zielline zu sehen. Stuart Yule aus Berlin - "You are an Ironman".

Fast jeder Zweite hat eine Kochsalz Infusion bekommen. Nach ein paar Minuten sitzen habe ich entschieden zu duschen und mich massieren zu lassen weil die Schlange nicht zu lang war.

Das erste Warnzeichen dass irgendwas nicht in Ordnung war kam eine halbe Stunde später. Normalerweise habe ich nach so einem Wettkampf (mindestens beide male in Roth), einen Bärenhunger, aber diesmal nicht und kommischerweise auch keinen Durst. Ich saß in der Ecke und habe versucht mich zusammen zu reissen, aber irgendwie gings mir nicht gut. Nach eineinhalb Stunden, kurz nachdem ich mit Cigdem telefoniert hatte, ‚Na ja Schatz - gib mir 30 min und ich komme raus…'. dachte ich mir, ich lass mein Blutdruck checken, um sicher zu stellen dass alles ok ist, weil bei mir etwas nicht in Ordnung war.

Blutdruck war in Ordnung, aber der Sani hat mir empfohlen mich 10-15 Minuten hizunlegen, was zu trinken und falls nötig eine Kochsalz Infusion zu erhalten. Ich legte mich hin und nach 5 Minuten gings mir plötzlich richtig schlecht. Kälteschweiss, kribbelfinger, atemnot, schwindel, Übelkeit, Druck auf dem Brustkorb und (obwohl ich es selber nicht sehen konnte), blaue Lippen und Ohren. Innerhalb von wenigen Minuten war ich plötzlich in einer Szene von Emergency Room und lag voll verkabelt mit einigen Ärtzte um mich rum in einem Krankenwagen.

"Wie heißen Sie?", "Wie alt sind Sie?", "Haben Sie schmerzen in der Brust"...?

Nach einigen Minuten sagte eine Ärztin zu mir, "Machen Sie sich keine Sorgen Herr Yule, aber wir denken dass Sie gerade eben einen Herzinfarkt erlitten haben". Hat sie gesagt "Machen Sie sich keine Sorgen.."? Er, eins, zwei, drei - aufwachen… Ist das ein böser Traum oder was...?

10 Minuten später war ich im Krankenhaus in der Frankfurt Chest Pain Unit (CPU), wo drei Notaufnahmen Krankenschwestern diskutiert haben wie lang ich noch zu leben habe. Die wollten mich auf der Stelle mit einem Katheter untersuchen weil sie sicher waren dass ich eine verengte Stelle hatte, was sofort mit einem Herzstent behandelt werden muss! Na ja, nach 30 Minuten kam ein Arzt, der ein bisschen Ahnung von Ironman hat und wusste was wir alle verückten Idioten an dem Tag für einen Wettkampf gemacht hatten. Er neigte nicht zur einem Herzproblem und sagte dass alle meine Indikationen von der Ironman Belastung beinflusst waren. Warten wir ab bis morgen sagte er, na ja dachte ich, wenn ich die Morgensonne noch sehe!

Endlich gegen 22:00 Uhr konnte ich Cigdem anrufen, "Hi Schatz, mach dir keine Sorgen, aber ich bin im Krankenhaus und habe wahrscheinlich einen Herzinfarkt erlitten...!" Natürlich war sie locker und nicht besorgt!

Eine halbe Stunde später war ich auf der Intensivstation, meine neues zu Hause für die nächsten 2,5 Tage. Ich war angeschlossen und verbunden mit zig Kabeln und Sonden. Ich habe versucht zu schlafen.

Montag – Krankenhaus Intensivstation Tag 1

Kein Hunger, kaum geschlafen, Beine und Rücken schreien "You are an Ironman". Gegen 10:00 Uhr kam der Chef Cardioarzt und sagte dass er der Meinung war mein Herz sei in Ordnung aber um sicher zu sein, und um einen Herzmuskelentzundung (Myocarditis) auszuschliessen, wollte er einen Katheterbefund und einen CT Scan machen.

Kurz danach kamen Cigdem und Matthias zur Besuch, hat mich gefreut. Der Katheterbefund lief einwandfrei, eigentlich ein sehr cleveres Ding und man spürt gar nichts davon. Der CT Scan war ein bißchen schwieriger, weil ich in einem Rohr liegen musste und 45 Minuten lang ein und aus atmen musste. Lange Rede kurzer Sinn, die Ärzte stellten fest, dass mit meinem Herzen alles ok war, aber ich eine ‚Atypische' Lungenentzündüng auf beiden Lungen mit Flüssigkeit (lecker!) auf den Lungen hatte.

Montagnachmittag und Abend liefen langsam und langweilig vorbei, Cigdem kam gegen 19:00 Uhr zu besuch und um sich zu verabschieden, da wir entschieden hattem, dass sie zurück nack Berlin fahren sollte. Hatte aber keinen Hunger und fühlte mich schlapp. Montagabend/Nacht war relativ schlimm, weil ich nicht richtig atmen konnte und 38,5 Fieber hatte. Musste die ganze Nacht mit einer Sauerstoffmaske schlafen, nicht besonders schon.

Montagabend - The Calm before the Storm - ein paar Stunden später gings mir richtig beschissen!

Dienstag – Krankenhaus Intensivstation Tag 2

Aufgewacht und nochmal Blutprobe (meine Arme wurden noch nie so viel gestochen). Der Arzt kam gegen 09:00 Uhr und teilte mit, dass ich eine "böse Atypische Lungen Entzundung" habe und er mehr tests machen wolle. Ein paar Stunden später bekam ich noch einen CT Scan, diesmal die Lungen und Röntgenbilder.

Langsam bekam ich ein bisschen Hunger und zum ersten mal seit Sonntagabend gings mir ein bißchen besser. Ich bekam das erste Antibiotikum, intravenös, was ziemlich weh getan hat und habe zusammen mit meinem Zimmerkamaraden das WM Fussball Spiel Holland gegen Uruguay angeguckt.

Mittwoch – Krankenhaus Intensivstation Tag 3 – Entlassen auf eine Normalstation

Endlich konnte ich auf eine normale Station gehen, weil die Ärzte damit zufrieden waren dass das Lungenproblem unter Kontrolle war. Nach 2 ½ Tagen konnte ich endlich stehen, spazieren und mich duschen.

Mir gings langsam besser, ich konnte in den Garten gehen, in der Sonne sitzen und ein Buch lesen. Endlich hatte ich Hunger und eigentlich ich habe die nächsten paar Tage genossen, weil ich nichts anders ausser entspannen und relaxen konnte.

Mittwochabend habe ich WM Fussball Deutschland vs. Spainen angeguckt, war eigentlich ganz lustig, weil ich mit ein paar anderen Krankenhausmitarbeitern das Spiel im Krankenhausempfangsbereich angeguckt habe, wir haben unser eigenes Public Viewing gemacht. Gegen 23:30, entäuscht wegen dem Spiel, bin ich ins Bett gegangen.

Donnerstag – Krankenhaus Tag 4

Lief eigentlich ganz easy und enspannt. War beim Lungenarzt und habe noch mehr Lungentests gemacht, mehr Blut abgenommen (ich muss fast keins mehr haben, die haben mindestens ein Arm voll abgenommen die letzten 4 Tage!). Ich habe mir einen kleinen Spaziergang ausserhalb des Krankenhausgeländes gegönnt, mir gings eigentlich ganz gut, aber immer noch ein bisschen schlapp.

Freitag – Krankenhaus Tag 5 – nach Hause

Nochmal musste ich zum Lungenarzt weil er letztendlich entscheiden musste, ob ich nach Hause gehen konnte oder nicht. Gegen 13:00 Uhr bekam ich offiziel Bescheid dass ich nach Hause gehen darf. Noch ein paar Stunden musste ich aber warten bis ich alle Befundberichte und den Entlassungsbericht in der Hand hatte und dann durfte ich gehen.

Eigentlich war es komisch das Krankenhaus zu verlassen, es war meine zu Hause die letzten 5 Tage und mit Freude und Trauer habe ich das Gebäude verlassen. Eine kurze reise mit der U-bahn, ein paar hundert meter laufen zum Auto und nach einem kurzen Einkaufsstop bei Rewe, gings ab nach Hause.

Ich fuhr langsam und mit etwas Melancholie nach Hause, wahrscheinlich ist mir das Geschehene der letzten Tage erst so richtig bewußt geworden und auch die Enttäuschung, dass ich nach 6 Monaten Training nicht die Leistung erbracht habe die ich erwartet und gehofft hatte.

Eigenlich großes Pech, dass ich ausgerechnet am dem Tag die Lungeninfektion ausgebrochen ist. Im Nachhinein wars wahrscheinlich fast ein Wunder, dass ich überhaupt gefinisht habe und erklärt jetzt warum ich beim Laufen so gelitten habe.

Gegen Mitternacht, 7 Tage und 15 Stunden nachdem ich abgefahren bin, kam ich endlich zu Hause an.

Was für eine Erfahrung! Ironman Germany 2010 werde ich definitiv nie vergessen.

Rückblick und Gedanken

Man sagt, durch jede Erfahrung gut oder schlecht, lernt mann etwas Neues und man ist irgendwie stärker danach, obwohl es manchmal länger dauern kann. Was denke ich über das Ganze in Nachhinein? Früher habe ich mich eigentlich für fast unsterblich gehalten, Krankheit? Verletzung? Ha, dass passiert den Anderen, mir nicht! Ich hatte nie im Leben gedacht, dass ich, ausgerechnet ich, auf der Intensivstation landen könnte, das geht gar nicht, kommt nicht in die Tüte! Aber es ist mir passiert.

Trotz meiner Fitness und Leistung haben ein paar Keime mich total flachgelegt, für einen älteren Menschen hätte es tödlich sein können! Wahrscheinlich waren die bösen Bakterien schon lange Zeit in mir, wahrscheinlich habe ich sie immer unterdrückt, wahrscheinlich bin ich am morgen des Wettkampfes infiziert worden. Wir werden es nie wissen. Fakt ist aber, ich war richtig krank und Sonntag/Montag waren kein spaß.

Lesson Learned -die Gesundheit geht vor, ohne unsere Gesundheit haben wir nichts, manchmal machen wir alle zu viel und hören zu wenig auf unser Körper. Es ist mir passiert, aber es hätte Jeden von uns treffen können.

Ich bereue nichts, der Wettkampf hat mir gut gefallen und ist definitiv ein Best Zeit Strecke und schneller als Roth. Die Atmosphäre auf der Radstrecke ist bei Roth besser, aber sonst sind die beiden Wettkämpfe höchst empfehlenswert.

Nächstes Jahr wieder? Leider ist Frankfurt schon ausgebucht, war es schon als ich auf der Intensivstation lag. Wahrscheinlich IM Switzerland, wahrscheinlich was in den Staaten, wahrscheinlich nichts. Aber Ironman macht süchtig…

Jetzt mindestens 3 Wochen Pause, bis ich 100% sicher bin das die bösen Keime weg sind, danach sehen wir was 2010 noch anzubieten hat, aber ich wette, dass ich nächstes Jahr irgendwo dabei bin.


© TriGe Sisu Berlin; 15.7.2010