Bericht Mitteldeutscher Marathon/Händellauf Halle 9.10.2016

von Denise Kottwitz

Start in Leipzig

Der Mitteldeutsche Marathon wurde in diesem Jahr zum 15. Mal ausgetragen. Zu diesem Jubiläum haben sich die Veranstalter etwas Besonderes einfallen lassen: Wie 1925, bei der ersten offiziellen Deutschen Meisterschaft im Marathon, sollte die Strecke von Leipzig nach Halle bewältigt werden. Mein Mann war sofort begeistert, dort zu laufen. Ich entschied mich für den angebotenen Halbmarathon der gut in mein Marathontraining passt. Da das Training gerade gut läuft, bin ich optimistisch, eine neue Bestzeit anzugehen, die bei 1:42 h und ein paar Sekunden liegt. Ich bin auch überzeugt, bei optimalen Bedingungen einen 4:45er Schnitt laufen zu können. Tage vor dem Rennen wurde fast stündlich die Wetterprognose abgefragt, aber es wurde und wurde nicht besser: 7 Grad und Regen. Bei so kalten Temperaturen schreibe ich von vornherein ein optimales Rennen ab. Aber das Ziel bleibt, das Beste draus zu machen.

Giebichenstein

Samstag ging es nach Halle, um sich dort mal umzuschauen und die Startunterlagen abzuholen. Übernachtet haben wir in Leipzig. Zwar ist in der Startnummer eine kostenlose Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln integriert, allerdings finde ich es nicht angemessen, vor einem Marathon mit mehrfachem Umsteigen die Anfahrt auf sich zu nehmen. Der gefüllte Parkplatz am Sportforum Sonntagmorgen zeigt auch, dass die meisten lieber individual angereist sind. So ist neben den etwa 500 Läufern (inklusive ein paar Staffeln) auch etwas Publikum am Start. Es ist echt kalt, aber die Sonne scheint! So gehen um neun Uhr die Läufer am Ufer der Weißen Elster auf die Strecke. Ich fahre dann nach Halle, wo der Start für 10 Kilometer und Halbmarathon zwei Stunden später ist.

Start in Halle
Start der Rollis

20 Minuten vor dem Start ist es so weit: es beginnt fies zu regnen. Ich versuche, möglichst lang in Bewegung zu bleiben, und schaffe es dann nur recht weit hinten in den Startblock. Trotz der ca. 2.000 Läufer geht es auf den breiten Straßen gut los. Allerdings muss man höllisch aufpassen, da der Weg immer entlang von Straßenbahnschienen führt. Nach zwei Kilometern geht es in die Parklandschaft entlang der Saale, große Bäume halten etwas den Regen ab. Es sind mehrere enge und große Kurven zu laufen, eine Parkeisenbahnschiene kreuzt öfters den Weg. Schon wieder Schienen! Von Kindern gemalte Kilometermarken stehen am Wegesrand, am Anfang etwas wild (bei Kilometer 3,8 und 4,5), später aber wieder passend.

Die 10 Kilometerläufer biegen ab, für mich geht es auf eine weitere Runde durch den Park. Wenn man sich umsieht, sind in der Ferne immer Läufer zu sehen. Wenige Läufer: das Feld vor mir, viele Läufer hinter mir. Dennoch, ich bin unzufrieden: Es "läuft" einfach nicht. Ich finde keinen Rhythmus. Ich schaffe zwar mein angestrebtes Tempo zu laufen, mir ist auch nicht kalt und der Regen hat etwas nachgelassen, aber irgendwie ist der Wurm drin. Außerdem ist die Strecke deutlich anspruchsvoller als angenommen: die sehr grobe Karte auf der Veranstalterwebseite verheimlicht die vielen scharfen Kurven, das Höhenprofil passt gar nicht. Auf kurze Spitzen wie Brückenüberquerungen war ich eingerichtet, es geht teilweise permanent bergauf. Entspricht nicht der Beschreibung für diesen Lauf, wo es heißt "... mit einem noch flacheren Kurs erwarten Euch".

Auf der Zielgeraden
Auf der Zielgeraden

Dreizehn Kilometer sind durch die Auenlandschaft geschafft, dann geht es durch eine ziemlich hässliche Gegend. Ich entdecke, dass es sich hier um Studentenwohnheime handelt. Nicht gerade Werbung für die hiesige Uni. Weiter geht es auf einem Radweg an einer viel befahrenen Straße: Schotter. Genau diese fiesen kleinen Steinchen, die bei Regenwetter gern nach oben fliegen und dann in den Schuhen landen. Zum Glück finden nach kurzem Piksen alle Steine irgendwo Platz im Schuh. Es beginnt wieder stärker zu regnen. Ich hasse diese Welt, mich selbst, mein Hobby, das Wetter! Zu allem Überfluss ist eine riesige Kreuzung zu queren, natürlich mit Straßenbahnschienen.

Motivation
Motivation
Motivation

Meine Pläne einen guten Lauf zu machen habe ich schon längst über den Haufen geworfen. Meine Oberschenkel sind fest: ich kann noch nicht mal sagen ob vor Kälte oder vor Anstrengung. Die letzten Meter bis zum Ziel sind noch sehr abenteuerlich über irgendwelche Hinterhöfe, gern mit Schotter präpariert. Die Motivationssprüche am Boden, die ich vor dem Lauf entdeckt hatte, kann man auf der nassen Straße auch nicht mehr erkennen. Völlig genervt komme ich im Ziel an. Die Uhr zeigt 1:42 irgendwas. Ist mir völlig egal. Mir wird schlagartig kalt. Habe ich erwähnt, dass es immer noch regnet? Schnell Wechselkleidung geholt und unter die Dusche. In den Umkleiden treffe ich Leidensgenossinnen, die genau so genervt von Wetter und falschen Erwartungen an die Strecke sind wie ich.

Marathon

Dick eingemummelt geht es wieder an die Laufstrecke, mein Mann sollte bald ins Ziel kommen. Von einem Staffelläufer erfahre ich, dass der Regen die Marathonstrecke erst eine Stunde später erreichte und somit wenigstens die Hälfte noch im Trockenen absolviert werden konnte. Ich bin überrascht, wie viele Zuschauer trotzt des Mistwetters noch an der Strecke stehen und jubeln.

Ziel

Mein Mann erreicht zufrieden das Ziel. Er läuft ja völlig ohne Zeitambitionen und will einfach nur die Strecke bewältigen. Sein Kommentar: "Fünf Grad mehr und kein Regen und es wäre eine Traumstrecke". Über dreißig Kilometer ging es auf einem Flussdamm entlang, dann ein paar Wohngebiete und das Passieren des Bahnhofs (Passagiere durften nicht aus der Tram steigen, bis die Läufer vorbei waren) war eine besondere Erfahrung. Während er sich umzieht, gehe ich doch mal auf die Ergebnisliste schauen und werde wieder etwas zufriedener mit der Welt. Platz 11 von 193 Läuferinnen, wenn man die Nettozeit in Betracht zieht, sogar Platz 9. Die Uhr ist bei 1:42:52 stehen geblieben. Dann muss ich im Netz doch noch mal meine Bestzeit recherchieren und lachen: 1:42:52!!! Die gleiche Zeit auf die Sekunde genau zu wiederholen, dass muss man auch erst mal schaffen. Für neue Bestzeiten habe ich ja noch so viel Zeit.

Am Abend schauen wir kurz beim Lichtfest in Leipzig vorbei, welches immer am 9.Oktober zur Erinnerung an die großen Demonstrationen 1989 stattfindet. Den Schauspieler Sylvester Groth möchte ich hier zitieren: "Man muss unterscheiden, ob man eine Strecke zu bewältigen oder einen Weg zu gehen hat". Darüber kann man ja mal nachdenken.


© TriGe Sisu Berlin; 21.10.2016