Bericht Ironman Hawaii 13.10.2007

von Michael Noll

Ironman Kona, Hawaii: 3,8 km Schwimmen, 180 km Rad fahren, 42,195 km Laufen. Vollständige Ergebnislisten unter ironmalive.com

Ironman-Ende - Saisonende - Urlaubsende

Der Urlaub geht gerade zu Ende. Meine Frau und ich sitzen am Flughafen in Kona und warten auf den Flieger zurück für die lange Rückreise. Eine Menge Zeit also, die Eindrücke zu Papier zu bringen.

Unsere Anreise über 4 Flugetappen war problemlos, wir kamen durch die Zeitverschiebung am selben Tage des Abfluges (4.10.) abends an. Das Gepäck, einschließlich Radkoffer kam mit uns an, was, wie wir hören mussten, nicht unbedingt selbstverständlich ist. Damit konnte ohne weiteren Stress der Urlaub mit ein paar letzten lockeren Trainingseinheiten begonnen werden. Untergebracht waren wir im Royal Kona Resort, was so etwa 700 m vom Start/ Ziel entfernt ist. Schon in der Vorwoche des Wettkampfes stand in Kona schon alles unter dem Zeichen des Ironman, es wurde überall fleißig geschwommen, geradelt oder gelaufen. Ab 6.30 Uhr schwammen täglich Aktive auf der Originalstrecke am Pier von Kona. Bereits zu dieser Uhrzeit war täglich auch für Rettungsschwimmer in Kajaks gesorgt, am Ausstieg gab es Getränke. Während des Schwimmens konnten wir ständig bunte Fische sehen, vereinzelt sogar Schildkröten und Delphine.

Lockeres Radtraining war meist auf dem Queen-Ka‘ahumanu-Highway angesagt, wo auch der Großteil der Radstrecke im Wettkampf langführt. Unsere Hannes-Reisegesellschaft ist auch in der Vorwoche einmal den gesamten Highway vom nördlichen Wendepunkt in Hawi zurück nach Kona mit dem Rad abgefahren (ca. 90 km). Der Hinweg war im amerikanischen Schulbus (so wie bei den Peanuts), die Räder wurden im LKW transportiert. Das Lauftraining haben wir auf dem Alii-Drive, absolviert, dort führt auch ein Teil des Marathons lang.

Der Queen-Ka’ahamanu-Highway ist für Reifen, wie man seit Normann Stadler weiß, ein gefährliches Pflaster. Ich habe diese Erfahrung auch gemacht, glücklicherweise aber nur im Radtraining, nicht im Rennen. Auf der Strecke liegen viele Steinchen (offenbar auch Metallteilchen), eins davon hat auch meinen Mantel erwischt. Am Tag vor dem Rennen habe ich nochmal den finalen Radcheck gemacht und dabei bemerkt, dass ein Riss im Mantel des Vorderrades war, da wo ein rein gefahrenes Metallstück den Plattfuß beim Training verursacht hatte. Am Mantel des Hinterrades war an der Seite eine dünne Stelle, an der sich der Schlauch langsam rausdrückte. Also musste ich noch schnell 2 neue Mäntel aufziehen, um beim Rennen möglichst keine Panne zu bekommen. Dann ging es ab zum Einchecken der Sachen in die Wechselzone. Wegen der Erfahrung im Training bin ich auf Nummer sicher gegangen und habe 3 Ersatzschläuche und 1 Ersatzmantel am Rad mitgenommen. Da behaupte ich mal, dass die Menge rekordverdächtig war.

Zum Rennen

Die Profis starteten um 6.45 Uhr, wir Age-Grouper wurden um 7 Uhr auf die Strecke geschickt. Da das Wasser ja immer warm genug ist, war Schwimmen ohne Neo angesagt (spart auch Reisegepäck). Ich habe mich, wie eigentlich immer, an der Seite des Feldes, aber mit vorne, allerdings nicht mehr 1. Reihe sondern so 2. bis 3. einsortiert. Es war gleich freies Schwimmen möglich, auch wenn immer ein Pulk Leute um einen rum war. Das Feld zieht sich doch weniger auseinander, wie bei der Quali in Zürich. Wegen des Neo-Verbotes waren übrigens die neuen Schwimmanzüge von Blue-Seventy weit verbreitet. Der spätere Sieger, Mc Cormack, sprach im Interview von einem Zeitvorteil bis zu 5 Sekunden auf 100 m. Da scheinen also noch Reserven ohne Training zu liegen. Jedenfalls habe ich versucht, jemanden zu finden, bei dem ich mich im Wasserschatten ranhängen konnte, was für etwa die Hälfte der Strecke funktioniert hat. Der Ausstieg ging über eine schmale Treppe, da das Feld insgesamt noch relativ dicht war, ging das wie an einer Perlenkette, aber ohne Wartezeit. Nach handgestoppten nicht ganz 1:08 Stunden war ich aus dem Wasser und lag damit gut in meinem Marschplan, der vorsah im Hellen anzukommen. Den Sonnenmilch-Eincreme-Service in der Wechselzone habe ich übersehen oder es gab ihn nicht. Jedenfalls habe ich auch zunächst nicht daran gedacht.

Die Radstrecke war anfangs sehr voll, weil nach dem Schwimmen noch viele dicht beisammen waren. Es ging erst mal auf einer Schleife durch Kona und dann für ein paar Meilen in südlicher Richtung zum dortigen Wendepunkt. Dann nochmals durch Kona im immer noch dichten Feld auf den Queen Ka’ahumanu-Highway. Dort ist die bekannte einsame und heiße Lava-Landschaft. Da begann sich das Feld so langsam zu sortieren. Ich konnte auf dem Rad recht viele Plätze gutmachen, jedenfalls merkte ich, dass ich öfter überholte und seltener überholt wurde. Einer der Überholer war übrigens wie in Zürich wieder Laurent Jalabert. Er hat wohl seine Schwimmleistung verbessert (möglicherweise auch Blue-Seventy-Anzug?), jedenfalls hat er mich nach 61 km auf der Radstrecke überholt, gefolgt von Fernsehkameras (in Zürich hatte das noch 140 km gedauert …). Sicherlich entdeckt unser Schwimmtrainer für die nächste Saison aber auch noch Reserven, außerhalb der Materialschlacht ;-) Auf dem Rad lief es also ganz gut. Bis etwa so 10-15 km vorm nördlichen Wendepunkt in Hawi hatten wir auch eher Seitenwind zum Teil von schräg hinten. Die Strecke selbst ist wellig, zwar nicht so viele Höhenmeter, aber man musste durchaus kräftig hochtreten. Hinzu kam auch die Hitze; am Renntag war es deutlich wärmer als an den Vortagen. Es sollte sich auch herausstellen, dass am Nachmittag weiter die Sonne scheinen sollte, während es sich an den Tagen davor zwar bewölkt hatte, es aber trocken blieb.

Etwa 10-15 km vor Hawi ging es länger stetig bergan und das bei kräftigem Gegenwind; die Strecke machte einen Schwenk nach Nordosten, damit kam der Passatwind von vorne. Ich hatte zu tun, den Tacho noch über 20 km/h zu halten, aber der in Aussicht stehende Rückenwind tröstete mich. Auf meiner Gegenwind-Passage kamen mir dann übrigens auch die ersten Männerprofis entgegen. Ich hatte damit gerechnet, dabei auch gleich Normann Stadler zu sehen, aber er hatte das Rennen an dem Punkt bereits aufgeben müssen. Offensichtlich aus den selben Gründen, die auch Faris Al Sultan am Start gehindert hatten.

An der Verpflegungsstation in Hawi hatte ich dann doch eine kurze Unterbrechung eingelegt, um dort nach Sonnenmilch zu fragen, die ich ja beim Wechsel vergessen hatte und mich nicht ganz ohne Schutz den intensiven Sonnenstrahlen weiter aussetzen wollte. Danach also für 10-15 km den besagten Rückenwind genutzt bis zum Schwenk in die südliche Richtung nach Kona. Ab dem Schwenk hatten wir dann den Wind schräg von vorne, aber doch nicht so heftig, wie auf der Passage nach Hawi. Zuschauer gibt es draußen auf dem Highway keine, nur an den Verpflegungsstationen gibt es neben der Verpflegung Anfeuerung durch die Helfer. Die Stationen sind übrigens alle 7 Meilen, so dass keine Gefahr für Notstand besteht. 3 oder 4 Radflaschen mitzunehmen ist meiner Meinung nach nicht notwendig. Ich selbst hätte dafür auch keinen Platz gehabt, weil ja 2 Flaschenhalter mit meiner rekordverdächtigen Menge an Ersatzmaterial belegt waren. Gebraucht habe ich es letztlich nicht, es hat mich aber auf der Strecke beruhigt. Mit einer handgestoppten 5:07-er Radzeit kam ich zum 2. Wechsel und lag damit weiter in meinem Marschplan. Also Rad abgegeben, Laufschuhe angezogen, die Pipi-Box aufgesucht und los.

Die Strecke führte südlich über den Alii-Drive, wo auch Zuschauer standen und gut Lärm machten. Nach etwa 5 Meilen war der Wendepunkt erreicht. Bei mir lief es bei Temperaturen um 30°C immer noch gut. Ich war im 5-Minuten/km-Tempo unterwegs. Auf dem Weg zum Ortsausgang von Kona war auf der Palani-Road ein merklicher Anstieg, der das Tempo deutlich gedrosselt hat. Dann ging es wiederum auf den Queen Ka’ahumanu-Highway, nun also zu Fuß, während weiter auch Radler zurück kamen. Etwa bei meinem Lauf-km 16 kam mir auch der spätere Sieger, Mc Cormack entgegen; er hatte noch etwa 3-4 km vor sich. Bis zum Zweitplatzierten war eine große Lücke. Mich hat das erfreut, weil ich 10$ auf seinen Sieg gewettet hatte. War zwar sicherlich nicht der Geheimtipp, aber dafür richtig und brachte mir mit einem Fünftel des Gesamtwetteinsatzes 48$ (so hatte ich meine neuen Mäntel wieder raus).

Auf dem Highway war die Hölle los, d.h. die Laufstrecke etwas wellig, so dass es wirklich hart wurde, das Tempo zu halten. Die Hitze tat ihr Übriges. Der nördliche Wendepunkt der Laufstrecke war am Natural-Energy-Lab. Dort ging es zuerst leicht bergab. Der Wind kam von vorne, der See her. Das hatte zunächst einen angenehm kühlenden Effekt. Allerdings wurde es nach der Wende dafür wärmer, weil es wieder hoch ging ohne Windkühlungseffekt. Das zog etwas den Zahn. An den Verpflegungsstationen (beim Lauf jede Meile) gab es neben den üblichen Getränken, Gels und Riegeln auch Eiswürfel. Diese waren heiß begehrt. Ich hatte mir welche unter die Kappe gesteckt und am Kopf schmelzen lassen. Man sah aber auch ganze Füllungen im Triathlonanzug. Manche steckten auch kühle Schwämme rein (was dann auch die weiblich erscheinenden Ausformungen bei Mc Cormack im Zieleinlauf erklärt).

Den 5-Minuten-Schnitt konnte ich der Hitze wegen zwar nicht mehr halten, aber dennoch absehen, dass ich mein Ziel, im Hellen anzukommen, erreichen würde. Also mit weniger Tempo und dafür ohne Krämpfe bin ich letztlich auf die Zielgerade auf dem Alii-Drive eingebogen. Dort war dann auch Superstimmung, die Zuschauer machten richtig Lärm. Nach 10:01 Stunden habe ich also im Ziel noch die Sonne gesehen und bin langsam, wenn auch mit wenig Erwartung zur Zielverpflegung. Meine Befürchtungen, dass es dabei amerikanischer Standard sein würde, wurden leider vollauf bestätigt. Also kein großes Zelt, keine Sitzgelegenheiten, kein Kuchen, keine Nudeln, kein Reis, kein Hühnchen, kein Erdinger alkoholfrei. Alles hinter "kein" war im Juni in Zürich zu finden. Dafür gab es nur lauwarme Labber-Pizza, die dann in ein paar wenigen Sorten. Wenigstens war die Getränkeversorgung mit Wasser, Cola und Gatorade ok. Letzteres konnte ich jedoch nicht mehr sehen (schon gar nicht mehr trinken) und habe auf die Chicken-soup zurück gegriffen. Das war wenigstens schön salzig.

Die Finish-Line-Party geht übrigens bis zur Rennstunde 17 um Mitternacht, dann ist Feierabend. Bis zu diesem Zeitpunkt ist aber ordentlich was los; fast keiner der Zuschauer ist gegangen. Alle, die ankamen wurden gefeiert und bejubelt.

Das Rennen insgesamt fand ich durch die äußeren Bedingungen einerseits härter als den Quali-Wettkampf in Zürich. Andererseits war der Druck weniger groß, weil ich mich nicht mehr qualifizieren musste.

Ansonsten gäbe es noch reichlich zu den schönen Inseln Hawaiis zu berichten, aber das hier ist ja ne Sportseite und keine Urlaubsseite. Außerdem geht jetzt wirklich gleich der Flieger; wer sich bis hierher mit Lesen durchgekämpft hat, weiß wie lang die Wartezeit war.


© TriGe Sisu Berlin; 30.10.2007