Bericht Ironman Hawaii 9.10.2010

von Harry Meißner

Wo soll ich anfangen? Auf der Ziellinie in Kona vor 10 Tagen? Bei der unerwarteten Quali im Sommer in Frankfurt? Als Lenya mir im Juni letzten Jahres einen Startplatz für Frankfurt ergattert hat? Bei meinem Wiedereinstieg ins Triathlongeschehen im Jahr 2003? Oder noch früher, wo beginnt die Reise? 1996 war sie durch meine Fußverletzung auf jeden Fall erstmal beendet. Nach dem Rennen in Kona 1994 als ich dachte, na vielleicht in 10 Jahren mal wieder? Bei meinem ersten Triathlon, den damaligen Berliner Meisterschaften am Wannsee 1987? Oder schon im Jahr zuvor, als ich einen Fernsehbericht über den Triathleten Manuel Debus gesehen habe, bei dem es natürlich auch um Hawaii ging und der mich dazu animierte, diesen Sport auch mal zu versuchen? Es fängt auf jeden Fall schon ganz schön lange an!

Ich beginn' mal ganz profan. Die Stimmung und das Flair der kleinen Stadt Kailua-Kona auf Big Island sind phantastisch: Völlig übermüdet steigt man aus dem Flieger und wird von der feucht-warmen Abendluft umfangen, dazu weht eine leichte Brise. Das Flughafengebäude ist offen und damit nicht klimatisiert - wozu auch? Ist eh das ganze Jahr schönes Wetter :-) Morgens versammelt sich die ganze Triathlongemeinde am Pier zum gemeinsamen Schwimmen im Aquarium. Die allgegenwärtigen Sponsoren sorgen sogar für eine Gepäckabgabemöglichkeit, so dass man ganz entspannt zum coffeeship rausschwimmen kann, sich dort einen coffee for free im Wasser servieren lässt, um koffeingedopt und stömungsunterstützt in der gefühlten halben Zeit zurück zu sein. Auf dem Weg ins Appartment klatscht die Brandung auf die Lava oder in sandige Buchten, die Pflanzen und Blüten am Straßenrand oder in den Gärten sind eine schöner und bunter als die andere, dazu lacht die Sonne – ist schon ein verdammt nettes Fleckchen Erde.

Aber der Ironman-Hype und das allgegenwärtige m-dot-merchandising sind schon für Betroffene nicht immer leicht zu ertragen. Ich kann mir vorstellen, dass man als weniger-im-Sport-Verwurzelter oder gar als Nichtsportler davon ziemlich genervt und abgetörnt wird. Dazu die hedonistische Selbstdarstellung von über 1800 super fitten, unglaublich schnellen und toll aussehenden Ironmanathleten. Morgens auf dem Alii Drive hat man den Eindruck, manche machen noch zwei Tage vor dem Wettkampf Tempoeinheiten, anders kann ich mir das Lauftempo nicht erklären. Der Kult kumuliert im Lava Java, einem gehypten Café, in dem man neben diversen Pros und unter Commerzbank Logos seinen Chai Latte schlürfen oder seinen Norman Burger verspeisen kann.

Die Woche vor dem Rennen ist vollgepackt: Montag Radfahren vom Wendepunkt in Hawi zurück in die Stadt; Dienstag Laufen der letzten 10 km sowie Registrierung und Nationenparade, Mittwoch Wettkampfbesprechung, Donnerstag underpants run und welcome dinner, Freitag bike check in und dann Samstag endlich der Wettkampf. Für mich hat sich durch dieses lange Hinziehen eine tierische Spannung aufgebaut und ich war sooo nervös, obwohl es doch eigentlich um nichts ging. Finishen natürlich und wenn möglich auch bei sunshine, aber sonst? In Frankfurt habe ich mir selber Druck gemacht, aber ob man jetzt auf Hawaii 15 Minuten schneller ist oder nicht ... Dementsprechend wollte ich das Rennen auch ruhig und kontrolliert angehen, so war der gameplan.

Nach einer mäßigen letzten Nacht ist die Wettkampfzone am Wettkampfmorgen scheinwerferbeleuchtet, das bodymarking wird zelebriert von den volunters, Rad aufpumpen, Sonnencreme!, Kleiderbeutel abgeben, noch ein allerletztes Mal auf's Klo und dann geht's los. Das Schwimmen lief trotz der Teilnehmerzahl erstaunlich zivilisiert ab, für meine schlechte Schwimmleistung habe ich keine wirkliche Erklärung. Auf dem Rad wurde dann gleich mächtig Druck gemacht, ich konnte jedoch an mich halten und dachte bei mir: "In 80 km sehen wir uns wieder." (Die Meisten hab' ich jedoch nicht wiedergesehen – das Leistungsniveau ist einfach hoch!) Während ich mich zum Wendepunkt hochgedrückt habe, kommen uns die Hubschrauber und Motorräder und in ihrem Gefolge die Führenden entgegen. Geiles Gefühl – und in welcher Sportart kann man das sonst erleben, dass man als Amateurathlet an der WM teilnimmt und mit den Weltbesten gemeinsam auf der Strecke ist? Kurz vor der Wende in Hawi habe ich völlig aus dem Nichts eine drafting penalty bekommen, die mich total frustriert hat – mir ist bis jetzt nicht klar, wo ich Windschatten gefahren sein soll. Aber referee ist auch ein undankbarer Job.

Die penalty box, in der ich meine 4 Minuten Strafe absitzen musste, kam gleich, und die nachfolgende 20 km Abfahrt hat weiterem Selbstmitleid und der Ungerechtigkeit der Welt keinen Raum gelassen, denn der Wind pfiff in fiesen Böen über den Kurs, so dass man genug damit beschäftigt war nicht in den Graben geweht zu werden. Ansonsten wehte es zwar immer wieder etwas, aber die gefürchteten Mumuku Winde blieben uns in diesem Jahr gnädig. Bei inzwischen großer Hitze konnte ich auf dem Rückweg dann doch noch einige Plätze gut machen, ohne das Gefühl zu haben zu überzocken. Der Wechsel zum Laufen verlief problemlos. Dann aber das bekannte Gefühl: Was machen die hier alle? Um mich herum sprinten alle los als seinen nur 10km zu laufen und ich laufe mit 4:45er Schneckentempo an. Zum Glück hatte ich meinen Laufsensor dabei und wusste mein Tempo dadurch exakt. Dies Tempo konnte ich in der Anfangsphase auch gut halten, wobei ich jedoch in jeder Verpflegungsstelle gegangen bin, um in Ruhe zu trinken und den Körper mit Schwämmen und Wasser zu kühlen. Insofern hat sich meine Rennplanung bewährt, nach 20 km bekam ich allerdings, wie schon in Frankfurt, Krämpfe in den Oberschenkelinnenseiten, die zwar immer wieder auch weg gegangen sind, aber mich auch immer wieder zu längeren Gehpausen gezwungen haben (für Hinweise zu Ursache und Abhilfe bin ich dankbar :). Na und so bin ich dann bei Sonnenschein zufrieden ins Ziel gelaufen und durfte mir von Mike Reilly anhören: "You are an ironman!".

Das Beste war dann jedoch am Abend die finishline party: Warten bis Mitternacht auf die letzten Finisher – für mich die wahren ironmen, die sich die letzten 5 ½ Stunden durch die stockdunkele Nacht auf dem unbeleuchteten highway gequält haben. Im Ziel wurde gesungen und getanzt, eingeheizt vom mittlerweile ziemlich heiseren Mike, Chris McCormack und Mirinda Carfrae auch dabei – eine einzige riesige Party immer wieder unterbrochen von begeistert empfangenen Athleten, die sich langsam aus dem Dunkel der Straße schälen, so z.B. auch Gorden Haller (bitte mal nachschlagen :). Man stelle sich das mal beim Berlin Marathon vor, ist da bei Zielschluss noch jemand? Für mich ein highlight.

Hawaii war für mich ein tolles Erlebnis, und wer immer irgendwie die Chance hat ...

Zum Abschluss noch ein paar facts:


© TriGe Sisu Berlin; 21.10.2010