Bericht Ironman Hawaii 8.10.2011

von Michael Noll

Ironman Kona, Hawaii: 3,8 km Schwimmen, 180 km Rad fahren, 42,195 km Laufen. Vollständige Ergebnislisten unter ironmalive.com

Das Rennen ist vorüber, wir liegen im Spencer-Beach-Park bei Kawaihae, es ist also Zeit und Muße, die Eindrücke zu Papier zu bringen und daheim bei sicher herbstlicher Kälte in den PC zu hämmern. Um auch einen Eindruck über Chrissie Wellingtons Länge der Siegerrede zu vermitteln, sind es auch bei mir ein paar Worte mehr geworden.

Nachdem uns Olli in Tegel noch die letzten Grüße aus der Heimat mitgegeben hat, sind Heike und ich am 28.9. gestartet und haben alle Flugverbindungen ans andere Ende der Welt erwischt. Auch das Gepäck samt Rad kam mit uns in Kona an, so dass wir ohne weiteren Stress am selben Abend mit 12 Stunden Zeitverschiebung angekommen sind. Nur hatte leider die Hotelbar ab 22 Uhr geschlossen, so dass zum perfekten Abschluss der Anreise das Lava-Man-Ale nicht mehr eingenommen werden konnte (wurde auf den nächsten Abend verschoben). Die ersten Tage haben wir mit Ausflügen verbracht. Ansonsten gab es ein paar lockere Trainingseinheiten. Beim Schwimmen am Pier ließ sich auch mal die Triathlon-Prominenz zum morgendlichen Schwimmen blicken. Je mehr Schwimmer sich in der Rennwoche einfanden, um so weniger Delfine waren dann beim folgenden Frühstück von der Hotelterasse zu sehen.

Eine meiner 3 Radausfahrten hatte ich vom Wendepunkt der Radstrecke in Hawi zurück nach Kona absolviert. Raus gefahren sind wir mit Schulbussen, die Räder kamen im LKW mit. So konnte ich noch Fotos von der Rennstrecke machen. Richtig los geht der Zirkus am Dienstag vorm Rennen. Ab dann ist auch das Segelboot etwa 700 m draußen, wo man Kaffee im Vorbeischwimmen trinken kann. An dem Dienstag fand auch die Nationenparade statt. Die Fraktion aus Deutschland war wieder die zweitgrößte nach den USA. Einzelne Nationen waren nur mit 1 Teilnehmer vertreten, so dass sich die Frage nach dem Fahnenträger von allein geklärt hat. Alleine geklärt war das auch in der deutschen Gruppe. Die Heeresauswahl Triathlon hatte sich frühzeitig um die Fahne versammelt und fürs Tragen gesorgt. Ich selbst hatte ja ohnehin unsere Privat-Flagge mitgenommen. Flaggen sorgen in den USA übrigens für größeres Fotointeresse auch an der Straße. Letztlich bin ich dann von der Parade sogar im Video bei der Awards-Party aufgetaucht.

Am Donnerstag vorm Rennen habe ich mir mit gut 1000 Teilnehmern den Underpants-Run gegönnt. Dabei geht es 1km über den Alii-Drive in Unterhosen. Der Lauf entstand wohl vor 11 Jahren als Belustigung über leicht bekleidete Europäer. Der Lauf ist mittlerweile fester Bestandteil der Rennwoche.

Das Rennen war dann am Samstag ab 6:30 Uhr für die Profis und ab 7 Uhr für uns Age-Grouper. Die Starts sind versetzt, damit die schnelleren Age-Grouper auf dem Rad nicht ins Feld der Profi-Frauen vorfahren. Vielleicht will der Veranstalter den Profis auch einfach mehr Zeit fürs Daylight-Finish (bis 18:10 Uhr) einräumen J

In den Altersklassen waren etwa 1800 am Start. Das Niveau ist höher und ausgeglichener als beim Quali-Wettkampf in Frankfurt. Man schwimmt durchgehend in einem geschlossenen Feld. Damit wird es entsprechend eng bei der Wende nach 1,9 km. Bis zum Schluss gibt es keine Lücken, so dass auch nach 3,86 km Schwimmen ganze Pulks aus dem Wasser in die Wechselzone kommen. Bei mir war das Schwimmen nach gut 1:07 Stunden beendet. Das entsprach auch meinen realistischen Möglichkeiten bei Neo-Verbot und leichtem Wellengang.

Die Radstrecke führt anfangs durch den Ort in südliche Richting, bevor nach etwa 7 km gewendet wird und es dann durch die Lava-Felder geht. Die Radstrecke ist durch das zuvor geschlossene Schwimmer-Feld gut gefüllt. Bei der Ortsrunde gilt es, Kollisionen zu vermeiden. Dort ist auch der geforderte 7-Meter-Abstand schwer einzuhalten, zumal es ständige Überholvorgänge gibt. Wettkampfrichter auf dem Motorrad habe ich erst auf dem Queen-K-Highway erstmals gesehen. Wäre zuvor in der Enge auch unmöglich gewesen. Auf dem Rad konnte ich viele Plätze gutmachen. Stadtauswärts ging es mit Rückenwind gut voran. Die ersten 50 bis 60 km hatte ich einen 40-er-Schnitt auf dem Tacho. Aber klar war, dass das später anders wird. Etwa in der Höhe, wo wir jetzt am Strand liegen, macht die Straße den Schwenk nach rechts Richtung Hawi. Da geht es etwa 25 km lang mehr oder weniger aufwärts. Je höher die Strecke führt, desto stärker wurde der Gegenwind. Auch mit festem Treten sind dann gerade 20 km/h angesagt. Als ich 75 Rad-km absolviert hatte, kam dann die Spitze mit Rückenwind runtergerauscht. Erwartungsgemäß lag Chris Lieto vorne. Etwas später kamen die Frauen. Da hatte ich dann erstmalig registriert, dass Chrissie Wellington doch am Start war. 2 Wochen zuvor hatte sie einen Radsturz und es hieß lange, sie könne nicht starten. Das hatte wohl Einfluss auf die Form, sie lag nicht an der Spitze des Frauenfeldes. Nach dem Wendepunkt hatte ich dann auch die Rückenwind-Bergab-Passage erreicht und fuhr mit entspannten über 60 km/h. Wieder unten auf dem Highway war denn der erwartete Gegenwind, der zuvor noch als Rückenwind für den 40-er-Schnitt im ersten Drittel gesorgt hatte. 8 km vor der Wechselzone kam mir dann die Spitze der Männer beim Laufen entgegen, das hieß sie hatten die Halbmarathonmarke in etwa erreicht. Ich konnte allerdings nicht erkennen, wer vorne lag. Nach etwa 5:01 Stunden hatte ich die Radstrecke absolviert. Ich lag also noch meinem Traum-Zeitplan von unter 10 Stunden.

Der Marathon führt über den Alii-Drive zuerst nach Süden zum Wendepunkt. Die Strecke ist wellig, dennoch ging es bei mir mit dem 5 Minuten-Schnitt pro km gut voran. Die Ortsmitte in Kona ist dann bei etwa 15 bis 16 km erreicht, das Tempo konnte ich noch halten. Zum Ortsausgang geht es steil die Palani-Road hinauf, dort sieht man auch einzelne Teilnehmer gehen. Danach geht die Strecke über die Wellen des Queen-K- Highway zum Wendepunkt bei gut 30 km am Energy-Lab. Wellen und Wärme haben bei mir doch dazu geführt, dass das Lauftempo langsamer wurde. Aber da ich ja keine Qualifikations-Hektik hatte und der Wettkampf hier das Sahnehäubchen sein sollte, habe ich mir keinen weiteren Druck machen wollen oder können. Irgendwann später auf den verbleibenden Meilen hatte ich ausgerechnet, dass die Restmeilen doch noch für eine Zeit unter 10 Stunden reichen könnten. Gerechnet hatte ich mit 26 Meilen (es sind aber 26,2). Vieles ist also Kopfsache, rechnen und sich quälen wollen. Mit Beginn der letzten Meile geht es die Palani-Road wieder bergab und die lange flache Schleife Richtung Ziel folgt. Die Sub 10 erschienen noch erreichbar und ich konnte auf der letzten Meile das Tempo deutlicher anziehen. Wenige 100 Meter vorm Ziel hat mir Heike die Fahne angereicht und ich bin weiter Richtung Ziel gestürmt. The voice of Ironman- Mike Reilley- hat die Ansage gerufen ”only 20 seconds for the 10 hours“- Ich bin also mit einigen anderen so schnell es ging gerannt, so viel zur Fixiertheit auf Zahlen. Die Ziellinie hatte ich noch nicht ganz erreicht, als die 10 Stunden um waren. Eigentlich hätte ich dann Zeit gehabt, die Fahne zu richten, langsamer macht man dann doch nicht… So entstand unter anderem ein kopfloses Einlauffoto nach meiner 3:42-er Laufzeit.

Wo liegen die 9 Sekunden für das Traumziel? Unsere Wechsel-Profis haben sicher reichlich Verbesserungstipps für meine Wechselperformance. Mag sein, aber war der Pinkel-Stopp in Wechselzone 2 ohne großen Druck wirklich nötig? Liegt die Zeit beim Schwimmen, wenn man sieht wie viele unter einer Stunde schwimmen können? Wäre beim Laufen mehr möglich gewesen, wenn die letzte Meile doch deutlich schneller ging? Aber auch der Führende nach dem Rad -Chris Lieto- ging beim Laufen mit 3:55 für seine Verhältnisse ganz ein. Und irre ist wie viele auch in den Altersklassen doch noch 3 Stunden bis 3:10 laufen können. Hätte ich richtig gerechnet und an die 0,2 Meilen über den 26 denken sollen? Egal – es war ein tolles Erlebnis.

Um die Länge nicht noch weiter ausufern zu lassen noch letztes in Kürze, was dann auch die relative Länge der Siegerrede der Männer von Craig Alexander im Vergleich zu Chrissie Wellington widerspiegelt. Die Wechselzone ist eine Materialschlacht, was da so alles an Rädern reingeschoben wird. Im Grunde ausnahmslos Carbon-Geschosse bis auf ein paar Alu-Rahmen. Das interessanteste Material hatte ein japanischer Teilnehmer zu bieten: Mahagoni-Holz! Der älteste Weltmeister heißt Lew Hollander und ist 81 Jahre alt. Wahnsinn und er hat die Altersklasse nicht mal nur deswegen gewonnen, weil er der einzige war - unglaublich. Da haben wir alle also noch viele Triathlon-Jahrzehnte vor uns. Chrissie Wellington kam wie üblich zur Finish-Line-Party so gehen 21 Uhr, um die dann noch einlaufenden Alterklassen-Athleten zu begrüßen. Sie blieb auch bis zum Schuss um Mitternacht. Zumindest diese Leistung konnte ich auch erbringen.

So jetzt ist Schreib- und Saisonende bis es wieder losgeht für 2012. Ich habe mich zum best old race angemeldet: Challenge Roth.


© TriGe Sisu Berlin; 21.10.2011