Jested Winter Sky Race, Liberec 2.12.2017

von Denise Kottwitz

Anfang des Jahres erfahre ich von einem verrückten Rennen in Liberec (Reichenberg) in Tschechien: 21 Kilometer mit 1.300 Höhenmetern durch winterliche Landschaft. Das "Jested Winter Sky Race". Ich bin total fasziniert, vor allem weil die meisten Rennen dieser Art eher im Ultrabereich zu finden sind und ich die hier angebotene Distanz für machbar halte. Zudem passt das Rennen wunderbar in meine Jahresplanung, wo in diesem Jahr mal kein Herbstmarathon Platz gefunden hat. Ich plane ein paar längere Läufe und etwas Training bei einem Kurzurlaub im Gebirge. Letzterer fällt dann wegen Sturm aus, und eine fiese Erkältung im November lassen mich den Trainingsplan nicht umsetzen. Aber nicht jammern: ich schaffe es gesund und hochmotiviert an die Startlinie.

Neben dem Training muss man sich bei so einem Rennen vor allem um die Ausrüstung Gedanken machen. Auf Schnee und Eis laufen? Viele Teilnehmer schnallen die Schneeketten unter die Füße, ich vertraue aber auf meine Trailschuhe die angeblich für solche Verhältnisse ausgelegt sind und mir im Brandenburger Winter schon gute Dienste geleistet haben. 1.300 Höhenmeter heißt: Drei lange und steile Anstiege. Also auf jeden Fall Stöcke mitnehmen – gerade weil ich mir mit den Schuhen auch nicht so sicher bin.

Aufgeladenes Mobiltelefon und Rettungsdecke sind Pflichtausrüstung. Kontrolliert wird es nicht, finde ich aber sinnvoll. Etwas Verpflegung muss auch sein, da ich nicht weiß, was angeboten wird. Wettervorhersage bis minus acht Grad auf dem Gipfel, aber kein Niederschlag erwartet. Also Windjacke einpacken. Ich entschließe mich für ein Radshirt und bekomme den ganzen Kram erstaunlicherweise in die Taschen und kann so ohne Gurt laufen.

Das Rennen beginnt am Fuße des 1012 Meter hohen Jeschken (Ještěd). Vom Veranstalter werden kostenlose Parkplätze zur Verfügung gestellt, die Startnummern gibt es in einem beheizten Zelt, was die Wartezeit zum Start bei vier Grad Außentemperatur erleichtert. Die Stimmung ist grandios, wie bei einer Après-Ski Party. Zum eigentlichen Start dröhnt dann "Highway to hell" aus den Lautsprechern. Na dann mal los.

Ich ordne mich vorsichtig im hinteren Teil des Feldes ein, unter anderem auch aus Respekt vor den vielen herumwedelnden Laufstöcken. Es geht ca. 500 Meter durch den Wald, dann rechts rum und bergan – unter einem Sessellift steil hinauf im flotten Wanderschritt. Das Tempo ist mir eigentlich zu langsam, zumal ich recht kalte Füße und Hände habe. Aber überholen ist nicht: entweder man bleibt im Gänsemarsch hinter den anderen oder man versinkt in einer ca. 30 Zentimeter tiefen Schneeschicht. Aber ruhig noch etwas die Kräfte schonen. Im Laufe des Anstieges werde ich dann doch warm. Am Ende des Sesselliftes ist der Anstieg geschafft: 2 Kilometer sind bewältigt – in unglaublichen 35 Minuten. Dann geht es leicht bergab im Laufschritt durch den herrlichsten Winterwald. Mit so viel Schnee habe ich hier oben nicht gerechnet.

Bei der ersten Versorgungstation schlage ich bei süßem Tee und leckeren Waffeln zu. Dann geht es laufend weiter. Entweder auf festgefahrenem Schnee allerdings sehr eisig oder in der Mittelspur in kräfteraubenden Schnee. Als ich beim Spurwechsel fast ausrutsche, entscheide ich mich für die Schneevariante. Die Stöcke stören beim Laufen nicht. Ich mache ein Foto, da überholt mich eine Tschechin, die genau mein Tempo läuft. Hinter mir ordnen sich zwei deutsche Frauen ein, mit denen ich fast das gesamte weitere Rennen bestreiten werde. So geht es in Viererformation an einigen Herren vorbei, es läuft zu gut. Denn plötzlich sind keine Markierungen mehr da. Schwarz-weiße Bänder im Winterwald sind halt schlecht zu erkennen. Zum Glück ist auf den Startnummern das Höhenprofil abgedruckt und wir erkennen, dass es eigentlich wieder nach oben gehen müsste. Also zurück und somit die Laufstrecke um einen Kilometer und etliche Höhenmeter verlängert.

Die Sonne kommt raus und der Umweg ist schon vergessen. Es geht weiter bergab, meine deutschen Mitläuferinnen sind hier viel schneller und ich verliere sie. Allerdings nur bis es wieder bergan geht. Die Stöcke kommen zum Einsatz und ich bin an den beiden wieder dran. Ein kurze Laufpassage auf der Straße und dann geht es eine Steinwand hinauf. Stöcke helfen nicht mehr, gelaufen wird auf allen vieren. Wir bilden eine Seilschaft aus sechs Frauen und einem Mann, wobei letzterer die längsten Haare von uns hat. Mir geht es wiederum zu langsam voran, aber so kann ich die Wintersonne genießen und ein paar Fotos machen.

Oben angekommen geht es gleich auf der anderen Seite bergab. Sehr steil, ich habe einfach nicht die Erfahrung mit solchem Untergrund und muss die beiden Deutschen davon ziehen lassen. Leider ist es auf der anderen Seite des Berges sehr nebelig und kühl, im Wald auch sehr dunkel. Kurz bin ich auch allein, lande auf einer Straße und kann keine Markierung erkennen. Intuitiv laufe ich bergab und freue mich ein Versorgungszelt zu sehen. Wieder auf Kurs nach leckerem Tee geht es weiter, die deutschen Mädels machen länger Pause und starten nach mir.

Es geht wieder bergan. Ich merke, dass ich im Wanderschritt eine Stärke habe, denn ich hole immer wieder auf und überhole, wenn möglich. Ich treffe auch die Tschechin in der grünen Jacke vom letzten Anstieg wieder (aus der 7er Seilschaft). Sie war hatte mich beim Bergablaufen im Sauseschritt überholt. Sie lässt mich vorbei. Allerdings treffe ich später auf eine größere Gruppe, Überholen nicht mehr möglich. Zeit zum Foto machen, zumal die Sonne wieder zu sehen ist. So holt auch die Tschechin wieder auf und fotografiert mich. Mir ist das Tempo wirklich zu langsam, ich stehe in einer steilen Wand beim gefühlten Ruhepuls! Folge: mir wird kalt. Mittlerweile sind auch die deutschen Mädels wieder da.

Zum Glück ist der Gipfel bald erreicht, auf gestreuter Straße geht es bergab. Die Tschechin macht Tempo, ich kann dran bleiben. Endlich mal richtig laufen. Nur kurz, dann geht es bergauf. Aber so leicht, dass ich weiter im Laufschritt bleiben kann. Die Tschechin nicht. Die beiden deutschen Mädels sind auch nicht mehr zu sehen. Ja gegen Ende wird jedes Rennen doch ein Wettkampf! So versuche ich meine Position zu halten: nach hinten niemand zu sehen.

Es geht auf den anfänglichen Berg mit der Seilbahn – nur diesmal bergab. Party! Da ich gut mit meinen Kräften gehaushaltet habe, geht es mit Spaß bergab. Rutschend, schlitternd, springend. Macht Spaß im Tiefschnee – und spricht für die Schneeketten-freie Schuhvariante. Ich fühle mich schon schnell, doch dann saust die Tschechin in der grünen Jacke noch mal an mir vorbei. Wahnsinn. Ich schaffe es kaum mich zu halten und sie legt noch mal eins drauf.

Stolz erreiche ich nach 3:29 h das Ziel. Die Siegerzeit liegt bei 1:52 h, für mich unglaublich. Ich bin weder kraft- noch konditionsmäßig annähernd an meine Grenzen gegangen, aber technisch hatte ich kaum die Möglichkeit schneller unterwegs zu sein. Was soll ich sagen: eine irre Veranstaltung, eine tolle Erfahrung und ein willkommene Abwechslung vom ständigen zeitorientierten Triathlonsport. Wer gern wandert und Winterlandschaften mag, dem kann ich dieses Rennen uneingeschränkt empfehlen!

Veranstalter-Website

 


© TriGe Sisu Berlin; 5.12.2017