OstseeMan 3.8.2008

von A. Dalisda

Meine erste Langstrecke? Jein! Meine erste „vollständige“ Langstrecke, nachdem mir ein Finish im letzten Jahr durch den schweren Radunfall bei km 150 (bei dem mir eine Zuschauerin ohne auf die Straße zu schauen vor’s Rad lief) vergönnt war.

Natürlich trainiert man nicht ein Jahr lang gezielt auf einen Wettkampf hin, um dann am Tag x zu verschlafen, also stelle ich mir drei Wecker, den Ersten um 3h45. Meine Befürchtungen, evtl. verschlafen zu können sind aber unberechtigt, denn als der erste Wecker ertönt, wache ich sofort auf und im gleichen Moment wird mir meine Mission für diesen Tag klar.

Also erst einmal ein schönes Sportlerfrühstück (entgegen vieler Tipps tut mir eine große Schale Müsli mit Sojamilch und Joghurt gut! Im Magen stört mich dieses Frühstück nicht, und ich habe das gute Gefühl, eine Weile erst mal keinen Hunger mehr zu bekommen! Trotzdem esse ich vorsichtshalber eine Stunde vor dem Start noch einen Energieriegel), und dann vergehen die nächsten anderthalb Stunden bis zur Abfahrt zum Start in Glücksburg wie im Fluge.

Um 5h50 bin ich vor Ort, ich betrete noch einmal kurz die Radwechselzone und schaue nach meinem Rad: Eigentlich ist alles in Ordnung (ohne zu wissen warum, aber niemand hat sich über Nacht an „unseren“ Rädern zu schaffen gemacht – ein beruhigendes Gefühl!), es gibt lediglich ein kleines Problem mit der „speed box“ (die mit 5 PowerBar Gels und einem Miniatur-Notfall-Handy bestückt ist): Die Box kann nicht an ihrem geplanten Platz vorn am Rad montiert werden, da sich dort die Startnummer breit macht (die ich am Vorabend mit viel Aufwand zwischen Ober-, Steuer- und Unterrohr am Rahmen befestigt habe). Was nun? Um die Startnummer noch mal zu demontieren und eine Aussparung für den Gurt der speed box in die Startnummer zu schneiden bleibt keine Zeit mehr! OK, dann findet sie eben ihren Platz am Ober- und Sattelrohr (Wird das funktionieren, kann man damit ungestört fahren...?), was sich jedoch später als unbrauchbar herausstellt, sodass ich die speed box kurz vor dem Ende der ersten Radrunde abmontiere und an Anja, die an der Strecke steht, abgebe – super, die nächsten 5 Radrunden werde ich also ohne „Fremdkörper“ fahren können.

Nach dem Radcheck steht noch die Abgabe bzw. Deponierung der Kleiderbeutel (gar nicht so einfach), das Anziehen des Neos und ein Gang zur Toilette (Gott sei Dank bemerke ich VOR dem Anziehen des Neos, dass ich noch mal zur Toilette muss) an. Stichwort Neo: Im letzten Jahr hatte ich lediglich einen „Shorty“, die Flensburger Förde aber hatte -sehr unpassend- gerade mal 16°C. Im letzten Jahr habe ich nach ca. 1h25 das Wasser verlassen, und ich bin bis heute froh, dass ich die Aktion vor einem Jahr „überlebt“ habe (es gab einige andere Athleten, die mit Unterkühlungen aus dem Rennen gezogen werden mussten). Die Schwimmaktion 2007 war schon wirklich grenzwertig, ich denke mal, dass ich im letzten Jahr keine 15 Minuten länger mehr im kalten Wasser ausgehalten hätte! Eine komplette Radrunde (30 km) habe ich 2007 gebraucht, um wieder zu mir zu kommen und das Zittern vor Kälte loszuwerden, bis dahin habe ich auf dem Rad noch deutlich die 16°C zu spüren bekommen.

Aber dieses Jahr soll ja alles besser werden, dank Gerrit. Ein dickes Danke noch mal an dieser Stelle an Gerrit! Mit Gerrit’s geliehenem Neo können 16°C kommen, denke ich noch beim Anziehen des Neo, aber Pustekuchen: In diesem Jahr hat die Ostsee bei Glücksburg „angenehme“ 20°C, ich könnte also THEORETISCH auch in meinem shorty (in dem man wesentlich angenehmer Brust schwimmen kann als in einem langen Neo!) schwimmen und alles wäre schick. Laut „Murphy’s law“ entsteht aber gleich das nächste Problem, wenn man ein Problem gefixt hat, und dieses Problem nennt sich in diesem Jahr: Feuerquallen! Schon im Flachwasserbereich geistern einige dieser -in meinen Augen unnützen- Lebewesen herum, und verteilt auf die Flensburger Förde sind es VIELE, SEHR VIELE Feuerquallen, die uns Schwimmern das Leben schwer machen sollen; schon vor 2 Wochen beim „Fördecrossing“ habe ich Kontakt mit den Mistviechern gehabt, und bis zum OstseeMan waren es noch sehr viel mehr Tiere, die sich im Wasser tummelten. Also musste DOCH der Neo her, die Basis für einen guten Schutz gegen die Feuerquallen ist geschaffen. Mit viel Glück schaffe ich die 3,8 km am Ende ohne größeren Kontakt zu den Feuerquallen; einmal wäre ich fast mit dem Gesicht komplett über ein Exemplar geschwommen (was sicher ziemlich schmerzhaft geendet wäre), glücklicherweise konnte ich aber gerade noch rechtzeitig genug ausweichen und habe mir so -bis auf ein paar kleine kaum erwähnenswerte Stellen am Hand- und Fußgelenk- ausgiebiges „Brennen“ erspart.

Neben den Feuerquallen gibt es in diesem Jahr aber noch eine andere Hürde zu nehmen: Wellengang! Wellengang an sich ist ja okay und hat bei einem Meerwasser-Wettkampf sicher seine Daseinsberechtigung. Sagen wir mal lieber „leichter“ Wellengang, denn das, wogegen wir im Wasser kämpfen müssen (geschätzte Höhe des Wellengangs: 30 cm) hat mit LEICHTEM Wellengang nicht mehr viel zu tun! Nach dem Rennen erfahre ich, dass sogar die Top-Athleten, wie der diesjährige Sieger Joseph Spindler, ihre Probleme mit dem extremen Wellengang hatten.

Auf dem „Hinweg“ der ersten Schwimmrunde wundere ich mich noch, warum ich quasi wie von alleine vorwärts schwimme (ein interessanter Anblick, auf den Meeresgrund zu schauen und zu sehen, wie man sich konstant und gefühlt ziemlich schnell voran bewegt), die Auflösung kommt nun auf dem „Rückweg“, jetzt kommen die Wellen von VORN, und peitschen einem regelrecht ins Gesicht und vermitteln mir den Eindruck, gegen eine Mauer schwimmen zu müssen! Glücklicherweise schlucke ich insgesamt nur 3mal leicht Wasser, was - in Anbetracht des doch erheblichen Wellengangs – in meinen Augen eine gute Leistung darstellt.

Nach 1h26 ist es dann geschafft (Gott sei Dank, denn 2 Mal während des Schwimmens dachte ich „Oh je, das kann noch lange dauern...“), ich darf mir meinen ersten Kleiderbeutel am Strand von Glücksburg schnappen und in’s Wechselzelt verschwinden. Auch wenn ich bei kurzen Distanzen immer sehr bedacht bin, die Wechselzone so schnell wie möglich wieder zu verlassen, ist es mir diesmal nicht wirklich schwer gefallen, Ruhe zu bewahren, und mich ganz in Ruhe für den Rad-Split umzuziehen, dafür ist mir zu gut bewusst, dass ich noch mehr als 10 Stunden vor mir habe...

Von meiner Endzeit müssten eigentlich gut 3 Minuten abgezogen werden, denn den netten (aber etwas dusseligen) Helfern im Wechselzelt ist es gelungen, mir während des Ausziehens des Neos unbemerkt meinen Rad-Kleiderbeutel „wegzunehmen“. Meine Frage, wo denn mein Kleiderbeutel sei, beantwortet man mir damit, dass ich mir meinen Beutel aus dem Haufen (auf den die Beutel ALLER Athleten geworfen wurden, die mit dem Umziehen fertig waren und sich auf den Weg zum Rad gemacht hatten) raussuchen muss, was mich besagte lockere und unnötige 3 Minuten gekostet hat. Leider gibt es dann trotz der Ruhe und Zeit, die ich mir in der Wechselzone nehme, noch eine zweite kleine Panne: In der Aufregung übersehe bzw. vergesse ich die 5 PowerBar-Gels aus dem Kleiderbeutel zu nehmen und mir in meinen Einteiler zu stecken; somit habe ich mit den 5 Gels in der speed box nur die Hälfte der geplanten Rad-Verpflegung dabei, was mich verpflichtet, mir schnell einen „Plan B“ auszudenken. Eigentlich wollte ich mich die komplette Radrunde (die Laufrunde sowieso) über von Gels ernähren, jetzt werde ich dann die fehlenden 5 Gels über die ersten 3 Radrunden mit jeweils einer halben Banane und einem halben Power-Riegel pro Runde überbrücken und steige ab Runde 4 auf die Gel-Ernährung um, was -wie sich am Ende herausstellt- wunderbar klappt!

3 Wochen vor dem Wettkampf war ich eine Woche lang vor Ort und habe im Schnitt 1h 06min pro Radrunde gebraucht. Die erste Runde im Rennen geht in 1h02 „schnell“ (für meine Verhältnisse auf die 180 km bezogen „schnell“) zu Ende. Die zweite Radrunde wird dann mit 59min (inkl. einer kleinen Pause für kleine Königstiger) die schnellste der 6 Runden, und die Runden 3 bis 6 liegen alle bei 1h 02 min. Runde 4 und 5 fühlen sich ziemlich schwer an und kurzzeitig denke ich „Oh oh, Du bist doch hoffentlich das Radfahren nicht zu schnell angegangen?!“ (Gefühlt bin ich nämlich für meine Verhältnisse SEHR schnell unterwegs), aber glücklicherweise ist das nur Einbildung, denn die 6. Runde geht wieder ein wenig besser (auch, wenn ich meine zunehmend ermüdenden Beine immer stärker zu spüren bekomme), sodass ich gut motiviert für den Lauf bin!

Nicht so schön sind die teilweise nassen Strassen am Anfang der Radstrecke (bis kurz vor dem Schwimmen regnete es nämlich, und zwar so extrem stark, dass ich mir um den Tag bzw. ein finish ernsthafte Sorgen mache, bis hin zum „DNF“) und noch viel weniger schön ist der starke Regenschauer in der 5. Runde, aber ansonsten kann ich mich über das Wetter eigentlich nicht beschweren – Gott sei Dank ist es nicht zu heiß!

Nach 6 Stunden und 10 Minuten ist die zweite Disziplin geschafft, nun muss „nur“ noch der Marathon bewältigt werden. Auch hier nehme ich mir wieder viel Zeit im Wechselzelt, um unnötige Probleme beim Laufen von Anfang an so weit wie möglich zu minimieren. Eine kleine Herausforderung hierbei ist, dass meine Socken von der 5. Radrunde komplett durchnässt sind, ich mir aber in den Kleiderbeutel zum Lauf kein zweites Paar Socken gelegt habe (warum auch immer, irgendwie hatte ich die Vorstellung, dass es so stark regnen würde auf der Radstrecke wahrscheinlich verdrängt). Da ich den Marathon auf keinen Fall mit durchnässten Socken laufen kann, muss jetzt schnell ein (weiterer) „Plan B“ her! Zum Glück geht der „Plan B“, den ich mir noch auf der Radstrecke überlegt habe auf: Ein Freund, der an der Strecke steht, und den ich vom Rad aus angerufen habe, hat zufälligerweise ein Paar Laufsocken dabei, das ich bei der Abgabe des Rades in Empfang nehmen kann – die mentalen & „sockentechnischen“ Vorraussetzungen für den Marathon sind also geschaffen und auch körperlich fühle ich mich nun noch sehr gut oder sagen wir mal lieber „den Umständen entsprechend sehr gut“.

Bisher bin ich erst einen Marathon gelaufen, und das war im letzten Jahr, 8 Wochen nach dem schweren Unfall beim OstseeMan. 6 Wochen lang hatte ich damals Sportverbot, also blieben mir (brutto) gerade mal 2 Wochen Vorbereitung, von denen ich (netto) dann letztendlich nur noch 4 Tage zum Laufen nutzen konnte; dementsprechend schlecht war auch die Zielzeit mit über 5 ½ Stunden. Meine einzige Vorstellung/Richtzeit, die ich also habe, ist meine Marathonzeit aus 2007, und ich weiß, dass ich DIE Zeit auf jeden Fall unterbieten möchte! Ich muss zugeben, dass ich (gefühlt) nicht wirklich viele Lauf-km und kaum Tempoläufe in diesem Jahr absolviert habe, also ist es schwer, sich eine Zielzeit für die dritte Disziplin zu setzen. „Schau einfach mal...“ denke ich mir und laufe locker los. Schon in der ersten Laufrunde signalisieren mir meine Beine, dass sie -primär durch das Radfahren- schon ziemlich müde sind, aber es ist kein wirklich besorgniserregendes Signal. Die ersten beiden der fünf Runden laufen also super, in der 3. und besonders in der 4. Runde ist die Belastung des Tages in den Beinen dann –in Form von Muskel“ziehen“- doch DEUTLICH spürbar, aber nach der 4. Runde schwindet der Schmerz gefühlt, denn nun war es nur noch eine Runde, und mir wird klar: Jetzt kann eigentlich nichts mehr schief gehen... So ist es dann auch, nach 12 Stunden und 16 Minuten (wie gesagt: abzüglich 3 Minuten) laufe ich -zusammen mit Anja, die schon im Zielbereich auf mich wartet - dann überglücklich über die Ziellinie.

Im Zielbereich gibt es ein nettes „Buffet“, in dem man sich einen Teil der vielen Kilokalorien, die man den langen Tag über verbrannt hat wieder zuführen kann; von Obst über Kuchen bis hin zu belegten Brötchen und 5-Minuten-Terrinen...für das leibliche Wohl ist gesorgt! Sehr angenehm ist, dass man als Sportler freien Zugang zur Fördeland-Therme (ca. 300m gelegen vom Start-/Zielbereich) hat. Theoretisch könnte ich sogar die Sauna nutzen, ich beschränke meinen Aufenthalt in der Therme jedoch auf einen ausgiebigen Aufenthalt im Whirlpool, was mir sehr, sehr gut tut.

Anja und ein Freund sind so nett und laden während der Zeit, die ich in der Therme verbringe, mein Rad und alle sonstigen WK-Utensilien in den Wagen, sodass ich den Tag schön entspannt ausklingen lassen kann.

Mein Dank an dieser Stelle noch mal an Anja und Frederik für ihre großartige Unterstützung vor, während des Wettkampfes und danach. Ebenfalls und ganz besonders danken möchte ich an dieser Stelle Mathias Grimmer, Michael Noll und Bertram für ihre sehr hilfreichen Tipps im Vorfeld bzgl. der Ernährung und des Trainings im Wettkampf und davor – ohne Euch hätte bestimmt einiges schief gehen können, ohne Euch wäre meine erste Langstrecke sicher nicht so reibungslos und schön gewesen.

Pl  AK   Name                 AK       Swim    Bike      Run      gesamt
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280 56   Dalisda, Alexander   M30    1:26:39  6:23:16  4:25:53   12:15:49


© TriGe Sisu Berlin; 11.8.2008