Paris Marathon 6.4.2014

von Jörg Zotzmann

Ein sehr gutes Ergebnis beim letztjährigen Berlin-Marathon hat mich euphorisch überlegen lassen, welchen Marathon in einer Großstadt (wo ich schon immer einmal hin wollte) ich wohl 2014 laufen könnte. Da ich einen Startplatz für Berlin 2014 bekommen habe, musste es ein Frühjahrsmarathon sein. Paris! Warum nicht 42 km durch diese wundervolle Stadt laufen und sie genießen? Die Anmeldung klappte wunderbar, noch schnell einen Flug dazu gebucht und eine Unterkunft im 17e Arrondissement, nicht zu weit weg von Start und Ziel. Super! Nun musste ich nur noch meine Laufform über den Winter retten.

Eine Muskelzerrung und zwei Trainingslager (die mit Laufen nichts zu tun hatten) später war es plötzlich Ende März und der Paris-Marathon keine 3 Wochen mehr entfernt. Jetzt kam mir das sehr ungelegen, war ich doch dieses Jahr kaum gelaufen. Denkbar schlecht vorbereitet und mir war klar, dieser Marathon würde weh tun. Also wird es eine lockere Sight-Seeing-Tour zu Fuß über 42 Kilometer (die aber hoffentlich keine 4 Stunden dauert), nahm ich mir vor. Startnummer abholen am Freitag klappte problemlos. Ich hatte noch eine Bootsrundfahrt auf der Seine gebucht. Die machte ich am Samstag bei phantastischem Frühlingswetter, sehr empfehlenswert.

Sonntag dann um 6 Uhr aufstehen, das Frühstück der Champions reinschrauben, mit der Metro zur Place Charles-de-Gaulle fahren. Wieder herrliches Wetter, 15 °C, vielleicht etwas zu viel Sonne zum Laufen. (Aber das änderte sich während des Laufs, im Ziel war es dann bedeckt bei ca. 20 °C.) Beutelabgabe im Zielbereich, da sehe ich einen, der sich mit Fett einschmiert. Mist - ich habe das Nippel-Abkleben vergessen! Also noch mehr Schmerzen im Ziel. Die Schlangen vor den Dixis sind gigantisch. Dann vielleicht doch unterwegs einen Baum suchen. Ich gehe noch 500 m am Arc de Triomphe1 (Bild 1) vorbei in die Champs-Élysées in meinen Startbereich. Am Rand aber im Startbereich steht ein vierseitiges Plastikpissoir mit einer 20 m Schlange davor, die quer durch den Startbereich geht. Im Startblock ist das Gedränge nicht so groß, wie man es aus Berlin gewöhnt ist. Da ich noch 20 min Zeit habe stelle ich mich an. Ich habe schon etwas Angst, später von den startenden Läufern umgerannt zu werden, aber es geht schnell und ich kann mich erleichtern während der erste Startblock startet.

Bilder 1,2,3

Es geht los, den ersten Kilometer die leicht abschüssige Avenue des Champs-Élysées entlang zur Place de la Concorde, wo der Obélisque de Louxor2 (Bild 2) steht. Dann in die Rue de Rivoli am Jardin des Tuillieries3 und am Louvre4 (Bild 3) vorbei. Weiter geht es die Rue de Rivoli entlang am Hôtel de Ville5 (Bild 4) und an der St-Paul-St-Louis6 Kirche (Bild 5) vorbei.

An der Place de la Bastille7 mit der Colonne de Juillet (Bild 6) ist dann km 5 erreicht und damit die erste Verpflegungsstation. Es gibt stilles Wasser in verschließbaren 1/3 Liter Fläschchen. Das ist erstmal Verschwendung weil ich nur zwei Schlucke brauche. Aber gegen Ende des Laufs war ich doch froh, etwas Wasser für die jeweils nächsten 5 Kilometer mitnehmen zu können. Wahlweise kann man auch bereits aufgeschraubte Flaschen mitnehmen. Weiterhin werden Orangen-Viertel, Bananenstücke und Trockenobst gereicht, auch in einen Haufen Rosinen oder Würfelzucker kann man greifen (Bild 7). Es sind bis 500 m nach den Stationen Müllcontainer aufgestellt, die über Fangplanen verfügen, gegen die man die Flaschen wirft, so dass sie in den Container fallen, super Idee und macht Spaß.

Bilder 4,5,6

Bei km 9 geht es über die Place Édouard Renard mit der von Palmen gesäumten goldenen Statue d'Athéna und am Museum Palais de la Porte Dorée (Bild 8) vorbei in die Bois de Vincennes8. Es geht bis zu km 19 durch diesen Park, bei km 12 liegt das namensgebende Château de Vincennes9 (Bild 9). Meine 10 km Durchlaufzeit ist 53 min, das ist etwas schnell, ich gebe mir Mühe, ganz locker im Wohlfühlbereich zu laufen und keine Kraft in Geschwindigkeit zu investieren. Bei km 15 ist die Frische der ersten 10 km zwar verflogen, aber es geht immer noch sehr flüssig mit einer Pace zwischen 5:10 und 5:25.

Bilder 7,8,9

Aus dem Park heraus geht es auf die Rue de Charenton. Hier überquere ich ein paar verkehrsberuhigende Bremsschwellen, die ganz ähnlich markiert sind wie auf Mallorca. Beim ersten war ich fast schon versucht, ein warnendes "Hubbel!" nach hinten zu brüllen. Auch das permanente, zur Eile mahnende "Allez, allez!" der Zuschauer erinnert mich an das Radtrainingslager.

Bei km 20 lasse ich mir ein paar Orangen schmecken, es wird jetzt spürbar wärmer in Paris und ich muss mehr trinken. Meine Halbmarathon Durchlaufzeit ist 1:53, das ist immer noch recht gut, ich kann noch flüssig und schmerzfrei laufen. Wenn kein großer Einbruch kommt, sollte ich locker unter 4 Stunden bleiben.

Ich komme wieder auf die Place de la Bastille und biege Richtung Seine ab, dann geht es die ca. 8 km lange Passage am Seine-Ufer entlang (Bild 10). Bei km 25 passiere ich die Île-de-la-Cité. Die Cathédrale Notre-Dame10 ist aber kaum zu sehen von dieser Seite (Bild 11). Jetzt treten auch die ersten Ermüdungserscheinungen auf. Es läuft nicht mehr flüssig, ich kann aber noch gut eine 5:30er Pace laufen. Ich nehme mir jetzt mehr Zeit an den Verpflegungsstationen. Dann geht es in den fast 1 km langen Tuilerien-Tunnel. Hier wird man mit gut tanzbarer Disco-Mucke beschallt, dazu gibt es eine kleine Lasershow (Bild 12), nicht schlecht.

Bilder 10,11,12

Am Jardin des Tuileries komme ich wieder ans Tageslicht, auf der anderen Seite der Seine ist das Musée d'Orsay (Bild 13) zu sehen. Es geht vorbei am Palais de Tokyo (Bild 14) und man kann bereits den Eiffelturm11 sehen (Bild 15). Dann wird es plötzlich eng, die Zuschauer lassen gerade mal eine Gasse von 2 m Breite. Sie rufen zwar "Allez, allez!" und "Bravo! Courage!", aber der Lauf wird für ein paar Minuten zäh fließend. Hätte ich jetzt einen Zeitplan, wäre ich wohl sauer.

Bei km 30 ist dann Schluss mit lustig. Die Durchlaufzeit ist zwar mit 2:43 gar nicht so schlecht, aber 3:45 bis zum Ende sind nicht mehr zu schaffen. Die Beine werden schwer und fangen an zu schmerzen und im Knie macht sich ein Schmerz bemerkbar, der mich unruhig werden und befürchten lässt, dass ich den Lauf später doch noch abbrechen muss. Bei km 32 laufen wir in den Bois de Boulogne ein, 8 km durchs Grüne bevor wir auf die Zielgerade einbiegen. Einen Wohlfühlbereich gibt es nicht mehr, ich nutze jede Gelegenheit zum Trinken und Orangen futtern. Zum Glück gibt es hier nichts mehr zum Fotografieren, so dass ich das Handy im Gürtel lassen kann.

Bilder 13,14,15

Bei km 34 geht es an die Substanz. Die Luft ist raus, alles tut weh, der Knieschmerz ist zum Glück nicht schlimmer geworden. Jetzt heißt es kämpfen und irgendwie ins Ziel kommen, nur noch 8 km. Bei km 37 nehme ich mein letztes Gel, ich werde von einer Traube Läufer und dem 3:45 Pacemaker überholt, der 5 min nach mir gestartet war. Ich kann da nicht mehr dranbleiben, meine Pace ist knapp unter 6 min, da muss ich sie halten, nur noch 5 km!

Km 40, wo bleibt denn nur diese Avenue Foch, müsste man den Arc de Triomphe nicht längst sehen, ich will nicht mehr! Aber jetzt umkehren wäre doof, also weiter kämpfen. Hinter km 41 fange ich an, das euphorische Kribbeln der Endorphine langsam zu spüren. Der Lauf ist so gut wie im Sack, deutlich unter 4 Stunden. Da endlich, die Avenue Foch, ich sehe das Ziel und alle Schmerzen sind plötzlich weg. Schnell noch ein Foto (Bild 16) und den Zieleinlauf genießen, für diesen Moment hat es sich gelohnt!

Doch kaum bin ich durch, kommen auch die Schmerzen wieder. Ich bekomme ein Finisher Shirt und einen grünen Folien-Umhang mit Kapuze, den ich nicht brauche weil es warm und windstill ist. Die goldene Medaille (Bild 17) ist riesig, so wie der Stolz sie zu tragen. Ich stopfe mich mit Obst voll, humple zur Beutelabgabe und dann ab ins Hotel zum chillen.

Bilder 16,17

Ein gelungener Marathon mit fantastischem Wetter. Mit Schmerzen hatte ich gerechnet und ich war sogar ein paar Sekunden schneller als bei meinem ersten Marathon in Berlin. Die Zeit war gemessen an dem geringen Training zufriedenstellend. Die Organisation war sehr gut, ich habe kaum etwas zu meckern. Minus: eine große Blase am Zeh, Schmerzen in Mittelfuß, Knie und Leiste, böse Verspannung im Nacken und (zum Glück nur) leicht gereizte Nippel. Plus: Paris Marathon gefinisht, eine wundervolle Stadt erlebt und viel Spaß beim Laufen gehabt (zumindest bis km 34).

Fazit: Das hat sich gelohnt. Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt. Wer gern Marathon in Großstädten läuft, darf Paris auf keinen Fall auslassen. Ich muss sagen: Paris, je t'aime. Ich komme bestimmt irgendwann wieder, dann aber hoffentlich besser trainiert.

39115 Finisher
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Platz  Zeit     Name               AK      Pl.AK
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    1  2:22:41  Cheyech, Flomena   W30-39      1
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    1  2:05:03  Bekele, Kenenisa   M30-39      1
11732  3:53:43  Zotzmann, Jörg     M40-49   4369
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Anfang des 19. Jhd. zur Verherrlichung der napoleonischen Siege. Ich möchte nur mal wissen, wer da oben eine Ecke abgebrochen hat, ausgerechnet wenn ich nach Paris komme.
Errichtet von Ramses II. im 13. vorchristlichen Jhd. im Tempelbezirk Luxor und 1836 als Geschenk an den französischen König in Paris aufgestellt
Schlosspark aus dem 17. Jhd. mit dem Arc de Triomphe du Carrousel, dem ebenfalls von Napoleon in Auftrag gegebenen kleineren Bruder des Arc de Triomphe
früherer Königspalast und heute drittgrößtes Museum der Welt
das Pariser Rathaus wurde Ende des 19. Jhd. nach Zerstörung neu aufgebaut
Jesuitenkirche aus dem 17. Jhd.
hier stand die zu Beginn der Revolution 1789 erstürmte Festung
bewaldeter Landschaftspark mit Zoo, kleinen Seen und Trabrennbahn
Schloss und Festung aus dem 14. Jhd.
10 eine der ältesten gotischen Kirchen Frankreichs, hier hat sich Napoleon zum Kaiser gekrönt
11 anlässlich der Weltausstellung und zur Erinnerung an den 100. Jahrestag der Revolution 1889 eröffnet war er bis 1930 das höchste Bauwerk der Welt


© TriGe Sisu Berlin; 23.3.2014