Paris-Roubaix Challenge 12.4.2014

von Daniel Meisen

Es begann im November 2013. Sven hat mir bei einer Sisu-Runde im Grunewald von der hanebüchenen Idee erzählt bei der Jedermann Ausgabe von Paris-Roubaix teilzunehmen. Ich habe die Idee mit einem Kopfschütteln abgetan...

... nur um dann am Abend direkt eine Mail an Sven und Hans (mit dem ich bereits den Ötzi gefahren bin) zu schreiben in der ich mich grundsätzliches Interesse bekundet habe. Wieso lasse ich mich von so etwas immer so leicht begeistern?

Zu Auswahl standen die Distanzen 70, 141 und 170 km. Wobei die ersten beiden Rundkurse von / bis Roubaix sind. Die 170 km ist die gleiche Strecke, welche auch die Profis am darauffolgenden Tag fahren. Nur ohne die flache knapp 100 km lange Anfahrt von Paris (Compiègne) nach Busigny - die Jedermann Ausgabe müsste also eigentlich Busigny - Roubaix heissen.

Die Anmeldung wurde im Dezember geöffnet und Hans war so nett sich um die gesamte Organisation zu kümmern. Das führte ein wenig dazu das ich mich nicht wirklich weiter mit der Vorbereitung befasst habe und erst nach Rückkehr aus Mallorca ernsthaft über diese Wahnwitzigkeit dieses Unterfangens nachgedacht.

Zwischenzeitlich konnten noch zwei weitere Kollegen von Sven für das Unterfangen begeistert werden, so dass wir schliesslich zu Fünft waren. Sie hatten zusammen bereits fleißig die Kopfsteinpflaster im Berliner Umland unsicher gemacht.

Ich habe mich in der Woche vor dem Rennen entschieden mit dem Crosser zu starten - was sich im Nachhinein als nicht allzu dumme Idee herausstellte. Lediglich die Stollen-Reifen habe ich gegen breitere etwas pannensicherere Reifen (passend Challenge Roubaix bei 5 bar) ausgetauscht. Zudem habe ich mir noch eine etwas größere und robustere Satteltasche für die empfohlenen vier Ersatzschläuche zugelegt. Das war es dann auch schon. Null Kilometer Kopfsteinpflaster vorweg. War das so klug? Naja ein wenig nach Tipps googeln muss reichen. Lässt man alle esoterisch anmutendenden Tipps einmal ausser Acht beschränkt es sich im wesentlichen auf das Folgende:

Aber wie schlimm kann das schon sein, es sind ja nur 50 km Kopfsteinpflaster - dachte ich.

Am Donnerstag ging es dann zu Nacht schlafender Zeit los. Irgendwer kam auf die großartige Idee um 14:00 bei der Startnummernausgabe in Roubaix sein zu wollen. D.h. bei einer Maximal Geschwindigkeit von 110 mit dem geliehenen Wohnmobil mussten wir um 5:30 aufbrechen. In Michendorf. Also 4:45 Sven zu Hause einladen und los. Hans kam etwas zu spät, so dass wir uns erlaubt haben bereits ein Ersatzfahrrad für ihn einzuladen.

Matthias und Matze (die beiden Kollegen von Sven) waren so nett die erste Schicht im Cockpit zu übernehmen und so traten wir nach dem weiteren beladen des WoMos die lange Reise an. Sven, Hans und ich versuchten eine halbwegs bequeme Schlafposition zu finden - nach dem ersten Stopp und dem Umbau der Sitzgruppe zur Liegewiese gelang uns das dann auch. Dank des exzellenten Literaturtipps von Heike aus Spanien (Glenkill. Ein Schafskrimi) ging die Zeit recht schnell rum. Zudem war ich dank der Lektüre nun endlich auch im Stande eine Hypothese aufzustellen, warum die von uns in Spanien regelmäßig "angemähten" Schafe nicht antworteten: Sie sind mit kauen beschäftigt und können deshalb gar nicht antworten!

Nach einem kurzen Stop & Go in Belgien kamen wir dann um 15:00 in Roubaix am Velodrom an und wurden vom Besenwagen begrüßt.

Die Abholung der Startunterlagen war schnell und unkompliziert. Nach einem Besuch der legendären Duschen im Velodrom, checkten wir im Hotel ein und haben die Zeit bis zur "Nuit de Velo" Party am Abend totgeschlagen.

Die Party war überschaubar, immerhin des Rahmenprogramm war recht unterhaltsam: ein Criterium Rennen auf der Indoor-Bahn u.a. mit Charity Teilnehmer und dem ehemaligen 5-Tour de France Gewinner Bernard Hinault.

Die Nacht versprach wieder kurz zu werden: Abfahrt des Shuttles zum Start in Busigny war für 5:30 angesetzt. Nach einem kurzen Snack auf der Party brachen wir in Richtung Hotel auf. Die Beladung der Busse klappte ebenfalls problemlos, auf der knapp 2h Fahrt konnte man noch etwas pennen, Platz war genug. Einzig das Wetter sah nicht wirklich vielversprechend aus.

Diesig, kühl, etwas nass. Aber laut Wetterbericht sollte sich das über den Tag noch ändern. Gestartet wurde in kleinen Gruppen jeweils im 20 Minuten Abstand. Der Start in Busigny wurde laut beschallt - die Anwohner taten mir fast ein bisschen leid. Jetzt geht es also los. Ich beschloss es locker angehen zu lassen, da ich nur schwer einschätzen konnte wie mir das Kopfsteinpflaster zusetzen würde. Gemeinsam spulte ich mit Sven, Hans und Matthias (Matze ist auf der 70 km Strecke gestartet) die ersten lockeren Kilometer. Bis wir dann beim ersten Pavé ankamen. Den Tipps aus dem Internet folgend beschloss ich im dicksten Gang mit hohen Tempo in der Mitte zu fahren. Hat auch ganz gut geklappt. So gut das ich die erste Abzweigen nach links übersehen habe und prompt den Feldweg gerade aus weitergefahren bin - wirklich viel gesehen hat man ja auch nicht. Svens Rufe von hinten haben mich wieder auf den richtigen Weg gebracht. Das erste Stück hatte es mit einer Länge von 2,2 km und einer Schwierigkeit von 3-Sternen bereits in sich. Das versprach im weiteren Tagesverlauf noch lustig zu werden, immerhin gab 28 dieser Pavés mit einer Gesamtlänge von ca. 51 km zu bewältigen:

# Ort Länge Schwierigkeit
28 Troisvilles à Inchy 2,2 ***
27 Viesly à Quiévy 1,8 ***
26 Quiévy à Saint-Python 3,7 ****
25 Saint-Python 1,5 **
24 Solesmes à Haussy 0,8 **
23 Saulzoir à Verchain 1,2 **
22 Verchain-Maugré à Quérénaing 1,6 ***
21 Quérénaing à Maing 1,2 **
20 Maing à Monchaux-sur-Ecaillon 1,6 ***
19 Haveluy à Wallers 2,5 ****
18 Trouée d'Arenberg 2,4 *****
17 Wallers à Hélesmes 1,6 ***
16 Hornaing à Wandignies 3,7 ****
15 Warlaing á Brillon 2,4 ***
14 Tilloy à Sars-et-Rosières 2,4 ****
13 Beuvry-la-forêt à Orchies 1,4 ***
12 Orchies 1,7 ***
11 Auchy-lez-Orchies à Bersée 2,7 ****
10 Mons-en-Pévèle 3 *****
9 Mérignies à Avelin 0,7 **
8 Pont-Thibaut à Ennevelin 1,4 ***
7 Templeuve - Moulin-de-Vertain 0,5 **
6 Cysoing á Bourghelles 1,3 ****
6 Bourghelles á Wannehain 1,1 ***
5 Camphin-en-Pévèle 1,8 ****
4 Carrefour de l'Arbre 2,1 *****
3 Gruson 1,1 **
2 Willems á Hem 1,4 **
1 Roubaix 0,3 *

Was mir vorher keiner gesagt hat: zwischen diesen Pavés gibt es auch weitere "nicht-offizielle" Kopfsteinpflasterpassagen. Wie fies. Nach dem ersten Abschnitt hatte sich unsere Gruppe bereits ein wenig auseinander gezogen. Ich bin mit Sven noch bis zur ersten Verpflegung bei km 43 gemeinsam gefahren, danach haben wir uns verloren und ich habe die restliche Strecke ohne bekannte Gesichter bestritten.

Die Zuteilung der Schwierigkeitsgrade der Pavés wirkt recht beliebig (mit Ausnahme des Waldes von Arenberg - der ist echt fies). Manche 3-Sterne Pflaster fahren sich vergleichsweise leicht - immer relativ zu den zum erwarteten Maximalschmerz - andere 1-Sterne Pflaster gehen durch Mark und Bein. Bei den Pavés handelt es sich meist um ziemlich runtergerockte Wirtschafts- und Feldwege. Dementsprechend liegt dann auch gelegentlich entsprechender Unrat und Mist auf den Wegen.

Das wirklich anstrengende beim Fahren der Pavés ist das Festhalten des Lenkers. Der einzige Weg dem Vorderrad-Pogo Einhalt zu gebieten ist diesen so stark es geht festzuhalten ohne vollständig zu verkrampfen. Man hat ja 51km Zeit die perfekte Haltung zu finden ;-).

Alles was nicht wirklich (wirklich wirklich) fest ist, fliegt in hohem Bogen davon. Meist sind das Flaschen oder Pumpen, gelegentlich auch Schläuche, CO2 Kartuschen oder Klamotten. Würde man die Strecke im Anschluss an das Rennen mit einem Bollerwagen (man bräuchte vermutlich einen echt großen Bollerwagen) abfahren könnte man einen gut sortierten Fahrradladen aufmachen.

Trinken und Essen auf den Pavés ist unmöglich - eigentlich ist alles ausser Lenker festkrallen unmöglich. Und so freut man sich immer wieder auf die kurzen Erholungsphasen zwischen den Sektoren (zwischen 0,5 und 6 km), vor allem auch um die Arme auszuschütteln. Die Flaschen kann man an den insgesamt drei Verpflegungsstellen auffüllen. Neben den obligatorischen Bananen, Keksen und Salzstangen gab es zudem leckerere Belgische Waffeln. So habe ich die Verpflegungsstellen auch immer ausreichend lange besucht. Gemein wurde es nur man direkt danach ordentlich durchgeschüttelt wurden. Das schlägt ein wenig auf den Magen.

Ab der zweiten Verpflegung habe ich mich mit zwei Briten zusammen getan. Zu dritt sind wir dann eine ganze Weile an diversen Gruppen vorbeigezogen. Das Wetter sit zum Mittag deutlich aufgeklart, Wind gab es auch nicht so dass wir ein entsprechend hohes Tempo fahren konnten.

Besonders "gefreut" habe ich mich auf die beiden Pavés im Wald von Arenberg und in Carrefour de l'Arbre - die man vielleicht aus den Fernsehübertragungen vergangener Austragungen des Profirennens kennt. Vor allem der Wald von Arenberg besteht aus einem extrem wilden Belag aus großen Pflastersteinen mit ebenso großen Fugen dazwischen. Es wirft einen fast vom Rad.

Es dauert tatsächlich eine ganze Weile bis man sich die Geräusche gewöhnte hat die so ein Fahrrad von sich geben kann - ohne sichtbaren Schaden zu nehmen. Allein die Geräuschkulisse hat mich mehrfach einen Gabelbruch vermuten lassen. Mit den Felgen bin auch mehrfach ordentlich "eingetaucht", so dass es laut schepperte. Kaputt gegangen ist zum Glück nichts und so konnte ich die Tour unfall- und pannenfrei beenden.

Das es nicht jedem so ging hat man entlang der Strecke recht oft gesehen. Eigentlich stand immer und Überall jemand der seinen Schlauch gewechselt oder geflickt hat. Einen Platten hatte bei uns zum Glück aber keiner. Ein Wunder? Oder doch nur die richtige Kombination aus Reifendruck und Mantel? Ganz unverschont sind wir allerdings auch nicht geblieben. Sven und Hans sind auf dem Pflaster gestürzt und ich tippe den Bericht mit einer Sehnenscheidenentzündung.

Dennoch hatten wir alle unsere Spass und konnten den Zieleinlauf im Velodrom in Roubaix geniessen.

Beim Bummel durch den Shop des Velodrom am Vortag hatte ich mich noch darüber lustig gemacht wie man auf die Idee kommt für einen Pflasterstein auf einem Holzbrett 20€ zu bezahlen (angeblich der Top-Seller dort). Mittlerweile konnte ich das ganz gut nachvollziehen. Ich habe mich schlussendlich doch für die Sparvariante entschieden und mir beim Besuch des Profirennes am Sonntag einfach selbst einen Pflasterstein mitzunehmen.

Es gibt gewisse Dinge die man nur einmal Leben gemacht haben muss. Paris-Roubaix würde ich dazu zählen – auch wenn ich nicht ausschliessen will, das irgendwann nochmals zu machen.

Das Profirennen haben wir uns am Sonntag dann natürlich auch noch angesehen, im Wald von Arenberg. Es schon ein wenig beeindruckend wie schnell die Profis über das Pavé fliegen. Geräusche und Gesichtsausdruck unterscheiden sich jedoch nicht viel zum Vortag.


© TriGe Sisu Berlin; 21.4.2014