Bericht Ironman 70.3 Rügen 14.9.2014

von Martin Seller

Als Saisonabschluss hatte ich mir mal wieder Rügen ausgesucht. "Mal wieder", weil ich 2014 bereits dort gestartet bin. Damals zusammen mit Stephen und Jochen. Ich hatte noch eine Rechnung offen mit dem Rennen, denn 2014 wurde aufgrund von Sturm, Strömung und hohen Wellen das Schwimmen abgesagt und der Wettkampf als Duathlon ausgetragen.

Auch im letzten Jahr war der 70.3 auf Rügen von eher kühlen Temperaturen und Dauerregen geprägt. Also müsste doch im Jahr drei das Wetter diesmal mitspielen. Die Gesamtwahrnehmung eines Rennens steht und fällt mit der Witterung. Noch ein Jahr schlechtes Wetter und nächstes Jahr hätte sich vermutlich keiner mehr angemeldet trotz traumhafter Kulisse.

Petrus scheint also inzwischen auch vom Triathlonfieber befallen zu sein, denn die angekündigten Bedingungen hätten nicht besser sein können: 25 Grad, Sonne und Wind (wenn auch starker Wind) von der richtigen Seite. Da im Vergleich zu 2014 die Strecken aufgrund des schlechten Athletenfeedbacks komplett verändert wurden, reiste ich bereits am Freitag nach Binz an, um die Strecken nochmals zu testen.

Unser Hotel war direkt an der Laufstrecke, nur 200 m vom Strand, Seebrücke und vom Schwimmstart entfernt. Also perfekt gelegen für kurze Wege. Mein Plan war es, Freitagmittag die 45 km-Radstrecke, die am Sonntag 2x zu fahren war, zu testen und danach noch kurz zu koppeln, um mir die neue Laufstrecke anzuschauen. Die sollte es gewaltig in sich haben, denn ein Berg (der Klünderberg, ca. 400 m lang) mit 11 Prozent Steigung musste 4 mal (2 mal von jeder Seite) überwunden werden.

Beim Streckentest auf dem Rad fiel mir dann auf, dass ein ordentlicher Wind blies, aber wenigstens nur im "Hinterland", sodass das Meer bretteben war. Auch das Testen des Berges erwies sich als gut, denn so konnte ich im Vorfeld schon den Zeitverlust für das Rennen kalkulieren. Ich rechnete mit 1,5-2 min pro Runde. Den Rest des Tages verbrachten wir bei Sonne am Strand und genossen die Urlaubsatmosphäre.

Rennvortag

Samstag hieß es dann Athletenbriefing, Schwimmstrecke testen, Sonnen am Strand und Rad-Check-In. Die Wechselzone war am örtlichen Bahnhof und damit ca. 500 m vom Strand entfernt, also ähnlich wie in Jönköping ein langer Weg vom Wasserausstieg zum Rad. Das Schwimmen beschränkte sich auf ca. 5 min, denn aufgrund der ruhigen See waren eine Menge Quallen im Wasser. Auch wenn es keine Feuerquallen sind und man einen Neo trägt, ist es dennoch ein komisches Gefühl.

Raceday

Wetter: absolut top. Keine Wellen, keine Wolken, angenehm warme Temperaturen. Start der Profis 10 Uhr, Start der Altersklassenathleten 10:15 Uhr. Da unser Hotel näher am Schwimmstart war, als die Wechselzone, bin ich morgens kurz zum Rad, um die Flaschen anzubringen und alles einzustellen und wollte dann entspannt zurück ins Hotel.

Am Rad dann der erste Schreckmoment. Meine DI2 funktionierte nicht und ich hatte sie erst vor 2 Wochen vollständig geladen. Keine Lampe leuchtete, nix ging mehr. Mein Puls war dann definitiv schon auf Rennniveau. Mein Bruder beruhigte mich dann und meinte, dass ich mal alle Steckverbindungen durchgehen sollte – tatsächlich war nur das Hauptkabel zum Akku lose. Puh! Nochmal Glück gehabt.

Dann bin ich zurück ins Hotel und hatte noch 1,5 h Zeit bis zum Start. Da ich keine Lust auf das Einschwimmen im Meer hatte und mich mit den Quallen frühestens im Rennen beschäftigen wollte, erfolgte die Erwärmung mittels Zugseil im Hotel. Ein halbe Stunde vor dem Agegrouperstart sind wir dann vor zum Strand. Die Stimmung war schon bombastisch. Die gesamte Seebrücke war voll mit Zuschauern.

Die männlichen Profis starteten pünktlich 10 Uhr, die weiblichen Profis 3 Minuten später.

Die AK-Athleten wurden wieder mittels Rolling Starts in Rennen geschickt, d.h. man hat sich vorher nach seiner prognostizierten Schwimmzeit einsortiert und alle 5 Sekunden wurden 4 Athleten gestartet. Eine Zeitmatte kurz vor dem Wasser sorgte dafür, dass jeder seine eigene Netto-Zeit bekam. Ich sortierte mich ganz vorne bei den 30-35 min ein, also knapp hinter den sub 30min.

Die Schwimmstrecke war in Form eines Rechtecks, 500 m raus, knapp 1.000 m parallel zum Strand und zurück zum Strand. Also los ging's, reingerannt, Hechtsprung und losgekrault. Sofort hatte ich ein paar Athleten einsammeln können, musste aber nach 200 m kurz anhalten, da sich meine Brille beschlug. Sofort wurde ich wieder überholt, aber es war die beste Entscheidung, kurz Wasser in die Brille zu lassen. Danach war die Sicht top und ich konnte fleißig Leute einsammeln. Dabei fragte ich mich, warum diese sich bitte bei den sub 30min-Schwimmern einsortiert hatten.

Egal, weiter. Nach der ersten Wendeboje stellt ich fest, dass der Großteil der anderen Schwimmer ca. 10 m rechts von mir, also weiter draußen schwammen. Ich entschied mich für den direkten Weg und damit gegen einen möglichen Wasserschatten. Dani meinte im Vorfeld, dass man durch das Adrenalin im Rennen die Quallen eh nicht groß bemerken wird. Und sie sollte Recht behalten. Nach der letzten Wendeboje in Richtung Strand mussten wir ein wirklich großes und nicht enden wollendes Quallenfeld durchschwimmen, aber der Ekel hielt sich in Grenzen.

Am Strand angekommen zeigte die Uhr eine Schwimmzeit von 28:06 an. Wow, dachte ich, muss an der Strömung gelegen haben, denn die gab es auf jeden Fall. Die Matte für die Zeitnahme kam dafür dann erst auf Hälfte der Strecke zur Wechselzone, weshalb die offizielle Schwimmzeit dann auch 30:44 war, dafür die erste Wechselzeit auch nur 2:46 statt über 4 min. Damit wurde der Vorteil der Strömung wieder ausgeglichen.

Dann ging's ab aufs Rad. Die Radstrecke war super, es gab 4 Anstiege pro Runde, also insgesamt nur knapp 450 hm zu überwinden. Der Wind war zu spüren, aber nicht ganz so stark wie am Freitag. Also Kopf runter und los.

Kurz vor der 1. Verpflegungsstation dann der 2. Schreck des Tages. Es gab ein lautes blechernes Geräusch, so als ob eine Karbonspeiche reißen würde. Kurz danach ging es aber eine Abfahrt runter. Ich hatte ein etwas ungutes Gefühl und musste bei voller Fahrt nun checken, was am Rad nicht stimmt. Dann bemerkte ich bei ca. 60 km/h, dass mein Schnellspanner vom Vorderrad geöffnet war. Ein Bunnyhop wäre jetzt nicht ratsam gewesen... Also kurz anhalten, festdrehen und weiter ging's.

Ansonsten lief das Radfahren sehr gut, fast zu gut im Hinblick auf die Wattwerte. Mit 280 Watt im Schnitt (NP) lag ich über 15 Watt drüber als sonst. Klar, das ergibt einen super Schnitt von 38 km/h und ne Radzeit von 2:21, aber kann sich auch auf's Laufen auswirken.

So war es dann auch. Die ersten Kilometer nach dem Rad gehen erwartungsvoll "leicht" und schnell. Doch nach KM 5 läuft man um eine Kurve und dann steht er da, der Schafrichter der Laufstrecke, der Klünderberg. Der Veranstalter hat in Kooperation mit Mercedes Benz für diesen Berg sogar eine Sonderwertung eingeführt. So lag am Anfang und knapp vor Ende des Hügels eine Zeitmatte. Wer den Berg am schnellsten bewältigt im Rennen, bekommt für eine Woche eine Mercedes V-Klasse zur Verfügung gestellt.

Der Sieger dieser Bergwertung lag im Gesamtergebnis dann allerdings unter ferner liefen. Er hat sich scheinbar nur auf diesen "Wettbewerb" konzentriert, oder ist danach einfach explodiert. Nach 7,5 km musste man den Berg von der anderen Seite hoch und nochmals das Ganze in Runde 2 (nach KM 14).

Ansonsten war es eine super schöne Laufstrecke mit Zieleinlauf auf der Promenade vor der Seebrücke. Am Ende sprang Platz 9 in der AK raus, womit ich mein Ziel, unter die Top 10 zu kommen, erfüllen konnte. Danach haben wir noch meinen Bruder angefeuert und den After-Race-Bereich am Strand genossen. Wie schon eingangs gesagt, so ein Gesamteindruck steht und fällt mit dem Wetter. Vor 2 Jahren noch verteufelt, würde ich das Rennen Stand heute jedem empfehlen, weil die Kulisse und die Atmosphäre einfach der Wahnsinn sind. Die Organisation ist nahezu perfekt.

Bei schlechtem Wetter, was im September an der Ostsee durchaus üblich ist, macht es nicht annähernd so viel Spaß. Ab jetzt ist Saisonpause angesagt, bevor Mitte November der Trainingsplan für den IM Frankfurt am 09.07.2017 beginnt. Nach dem Wettkampf ist vor Wettkampf. Nach der Saison ist vor der Saison. Und in Tradition von Micha Noll: noch 25 Wochen bis Malle ;-)


© TriGe Sisu Berlin; 15.9.2016