Toulouse Marathon 21.10.2018

von Denise Kottwitz

Vor etwa einem Jahr besprechen wir bei einem Trainingsläufchen die Wettkampfplanung und Urlaubssaison 2018. Es wäre doch eine gute Idee, den Marathon mit einem Herbsturlaub zu verbinden. Wir diskutieren die uns bekannten Läufe – erst mal ergebnislos. Etwa zwei Stunden später hören wir in den Nachrichten etwas über Airbus. "Warst Du nicht beruflich mal in Toulouse?" – "Nein, in Toulouse war ich noch nie: gibt's da einen Marathon?". Die Recherche ergibt, dass der Lauf genau unseren Vorstellungen entspricht: Ende Oktober (also nach dem Berlin Man noch etwas Zeit, laufspezifischer zu trainieren), die Strecke ist eine Runde, die Teilnehmerzahl angenehm (ca. 2000 Marathonis). Außerdem liegt Toulouse nur 80 Kilometer von Carcassonne entfernt, dessen mittelalterliche Festung ich schon lange mal besuchen wollte.

Die Anmeldung war nicht ganz so einfach, da man tatsächlich ein ärztliches Zertifikat einreichen muss. Unser Arzt schüttelte schon beim Wort Marathon den Kopf, aber dass man dafür nach Südfrankreich fliegt, ist komplett unverständlich. Ansonsten lief alles problemlos, so dass wir am Tag vor dem Lauf unsere Startunterlagen im "Marathon Village" abholen können. Ich erwarte hier eigentlich eine Messe mit Produkten für Sportler, tatsächlich ist es eher eine Präsentation lokaler Vereine und Institutionen. Aber wir bekommen unseren Turnbeutel mit T-Shirt, Pistazien, Vitaminen und einem Stadtplan von Toulouse. Nicht schlecht für die geringe Meldegebühr von 43 Euro. Ich erkundige mich, was es auf der Strecke zu trinken gibt. "Wasser!". Da ich nicht weiß wie man Iso auf Französisch sagt, frage ich nach Cola und bekomme einen Vortrag dass so ein ungesundes Getränk nichts auf einer Sportveranstaltung zu suchen hat. Wasser gibt es dann tatsächlich reichlich, da wohl in der französischen Leichtathletikverordung steht, dass alle 2,5 km eine Verpflegung sein muss. Beim sonstigen Angebot ist es wohl besser, ein Gel mehr einzustecken: Würfelzucker, Rosinen, Orangen, Schokolade und manchmal Apfelmus in Tüten – und immerhin Bananen.

Der Lauftag beginnt mit dichtem Nebel, es soll auch bis Nachmittag bedeckt bei max. 18 Grad sein. Auf dem Weg zum Start kommen uns auf nasser Straße die 10 Kilometer-Läufer dem Ziel entgegen. Die etwa 2.500 Teilnehmer machten sich schon früh um acht auf die Strecke. Im Startbereich steht dann noch die letzte Welle der Halbmarathonis (ca. 3.500 Teilnehmer) und ich erfahre, dass sich der Start um ca. 20 Minuten verschiebt. Die Polizei konnten auf Grund des dichten Nebels die Absperrungen nicht garantieren. Die Info gibt es noch ein paar Mal, allerdings muss ich lachen über den "Marathon international". Ausnahmslos ist alles auf Französisch!

Ich ordne mich zwischen den Tempomachern der 3:30 und 3:45 h ein, da ich ein Tempo von 5:05-5:10 min anlaufen will. Fünf nach zehn geht es dann auch endlich los. Sehr gemächlich, aber es folgt auch gleich der erste kleinere Anstieg, da wir den Fluss Garonne über die Pont Neuf – die älteste Brücke der Stadt – überqueren müssen. Im Nebel tront die große Kuppel des Universitätsklinikums. Nach zwei Kurven geht es am Museum d'Toulouse und den ehemaligen Schlachthöfen (heute Kunsthalle) vorbei, bevor es wieder über die Garonne geht. Bei Kilometer vier muss ich stöhnen. Es läuft überhaupt nicht. Während ich mir anfangs einredete, erst mal in den Tritt zu kommen, tut mir alles weh. Es zwickt in der Achillesferse, die Oberschenkelrückseite meldet sich. Der Kopf hat nur negative Gedanken. Aufhören, macht keinen Spaß. Außerdem fühlt es sich trotz der kühlen Temperaturen recht schwül an. Der Schweiß auf den Schultern verdunstet nicht. Alles unangenehm. Zum Glück geht es entlang unterschiedlicher Kanäle (u.a. dem Canal du Midi, ein 240 Kilometer langer Kanal, der Toulouse mit dem Mittelmeer verbindet), unter schönen Platanen mit Blick auf nette Hausboote. Dann geht es wieder zurück in die Innenstadt, vorbei an der Uni, verschiedenen Kirchen, dem Marktplatz. Bei Kilometer zehn bin ich mit mir selbst immer noch nicht glücklich, aber die Beine laufen die angepeilte Zielzeit. Es geht aus der Stadt heraus, vorbei an verschiedenen Sportanlagen. Als wir an den Museumsgärten vorbeikommen, die wirklich einladend aussehen, sind 15 Kilometer geschafft. Seit über einer Stunde rede ich mir gut zu: "seit einem Jahr freust Du Dich auf diesen Lauf", "Du hast super trainiert", "Du bist gesund an den Start gegangen" usw. Es wird einfach nicht mein Tag, aber die Beine laufen trotz irgendwelcher Zipperlein.

Neben der abwechslungsreichen Streckenführung ist überraschend viel Publikum unterwegs. Selbst an den entlegensten Ecken und Kurven stehen Leute und applaudieren. Da der Name auf der Startnummer steht, höre ich oft ein "Allez Denise". Diese Abwechslung trägt mich Kilometer für Kilometer. Es geht dann lange geradeaus auf einem Radweg durch eine Parklandschaft entlang der Autobahn. Die Hälfte ist geschafft, der Zeitplan stimmt. Wir kommen am Weltraummuseum vorbei, gut zu erkennen an der riesigen Rakete. Dann geht es wieder stadteinwärts. Noch vor Kilometer 25 gibt es recht viele Läufer die deutlich langsamer werden, ja sogar gehen. Vielleicht sind die Bedingungen doch nicht so ideal heute? Bei mir kommt positive Stimmung auf, so dass ich auch den darauf folgenden, etwas längeren Anstieg gut bewältige. Leicht bergab geht es befreit wieder an den Canal du Midi. Kurve rechts, Kurve links, 30 Kilometer sind geschafft, ich merke langsam etwas Müdigkeit. Endlich Gefühle wie sie sein sollten. Jetzt nur noch auf das Training vertrauen, für den Rest sorgt das Publikum. Es geht durch die Altstadt, kleine Gässchen, breitere Straßen. Nette Cafés und Restaurants, und alles voller jubelnder Leute. "Allez, Denise", oder "Allez les filles" – wenn gerade eine andere Frau neben mir ist.

Was für eine beeindruckende Kirche (Kathedrale St. Etienne), oh Toulouse hat auch einen Triumphbogen. Was für eine nette Allee. Also die Strecke ist wirklich abwechslungsreich. Da ist schon Kilometer 35, um die Ecke ganz überraschend eine Wasserstelle (alle anderen waren bis dato super ausgeschildert, aber vielleicht hab ich das Schild übersehen). Ich muss kurz anhalten, um schnell noch Energie zu tanken. Die nächste Station ist vielleicht zu spät. Nach der kleinen Unterbrechung geht es weiter: schöner Blick auf das Naturkundemuseum und noch einmal an den Kanal. Kilometer 38, und ich muss kämpfen, die Uhr schaffe ich nicht mehr im Blick zu halten. Da kommt ein junger Mann auf mich zu, spricht mit dem Läufer hinter mir: er solle immer schön an mir dran bleiben. Dann spricht er mich an, läuft ein paar Meter neben mir. Zeigt auf meinen Vordermann, der gute 30 Meter weg ist. "Komm lauf da ran, ganz ruhig. Du hast die Möglichkeit auf ihn aufzulaufen!" Er sollte recht behalten, an der nächsten Kurve war ich an ihm vorbei. Kilometer 41 ist geschafft, noch mal am Triumphbogen vorbei und dann endlich einbiegen in die Zielgeraden. Vorbei an jubelnden Menschen, immer wieder höre ich meinen Namen. Das Ziel im Blick, rauf auf den Zielteppich: der ist rosa. So rosa, dass es in den Augen brennt! Zielleinlauf – geschafft! Die Uhr bleibt bei 3:39 h stehen. Das nehme ich erst mal emotionslos hin.

Medaille um den Hals. Die Beine schmerzen, ich greife mir eine schützende Folie und setze mich erst mal hin. Nach ein paar Minuten suche ich was zu essen. Die Zielverpflegung ist mäßig, Wasser oder farbstoffhaltige Getränke mit Süßstoff. Gemüsechips. Dunkle Schokolade. Ich erspähe ein Stück Banane, der Pfefferkuchen tut auch ganz gut. Ich komme langsam zu mir, denke an ein stolzes Finisher Foto. Den Zielbereich verlässt man durch den Innenhof des Rathauses mit schönem Portal, als letztes touristisches Highlight des Tages.

Nach Dusche und kurzer Pause zieht es mich wieder an die Strecke. Was für eine Stimmung da noch herrscht, obwohl nach 4:30 h schon ein Großteil der Marathonis im Ziel ist. Das liegt an den 4er Staffeln, die noch eine Stunde später gestartet sind, und wovon ganze 900 (!) unterwegs waren. Die Staffeln müssen den letzten Kilometer gemeinsam bewältigen, schön zu beobachten wie sie sich untereinander motivieren. Dazwischen die Marathonkämpfer: verletzt, in Tränen ausbrechend. Eine behinderte Frau wurde im Karren über die gesamte Strecke von einem Team gerollt. Bei all dem kommt auch noch die Sonne zum Vorschein, und ich schließe Frieden mit dem diesem Lauf, der so gar nicht gut losging. Immerhin habe ich meine neun Jahre alte Bestzeit um zehn Minuten unterboten, einen negativen Split habe ich nicht ganz geschafft, aber zwei Minuten langsamer auf der zweiten Hälfte ist OK!

Also, ein lohnenswerterer Ausflug nach Südfrankreich, und Carcassonne habe ich auch noch gesehen.

 


© TriGe Sisu Berlin; 27.10.2018