Vaetternrundan (Schweden) 17./18.6.2017

von Michael Vonderbank

Mein Freund Ditmar (ein langjähriger Teilnehmer an unserem Kallinchen-Triathlon) hat mir mit der Vätternrundan seit zwei Jahren den Mund wässrig gemacht, aber ich traute mir die 300 km nicht zu. Im letzten Herbst konnte ich nicht mehr nein sagen und so startete ich im Winter meine Vorbereitung auf dem Mountainbike und quälte mich samstags bei (Gegen)wind und jedem Wetter immer auf die lange Runde und wagte die Tour nach Wittenberg. Berichte im Internet machten mir wenig Mut, man müsste mehr als 4000 km in den Beinen haben und ich kam nicht mal auf die Hälfte. Tröstlicher waren die Ratschläge zur Pflege des Allerwertesten. Aber die Vätternrundan ist kein Radrennen, sondern eine RTF und mit sechs möglichen Pausen dann doch machbar. Wir haben Tourenräder mit vollen Gepäcktaschen gesehen und ein Tandem, einige Fitnessräder, aber sonst nur Rennräder. Langjährige Teilnehmer beklagen, dass der Volksradfahrcharakter immer mehr zurückgeht und immer weniger Genussradler dabei sind.

Die kleine 50er-Runde am Donnerstag auf menschenleeren Straßen verlief so lange angenehm, bis es auf einmal knallte und anschließend schepperte: Eine Speiche am Hinterrad war gerissen. Der Schreck war groß, aber ich kam gut nach Hause und verließ mich auf die Werkstatt vor dem Start.

Freitag beim Aufwachen Regen, beim Kaffeetrinken um 3 Uhr Regen. Ditmars Trost: Es regnet vor dem Start oder nach der Zielankunft, aber nicht während des Rennens. Weil er schon seit 10 Jahren mitfährt, kannte er den Weg und noch wichtiger einen Parkplatz, der fast gleich weit vom Start und den Duschen entfernt war. Sehr beruhigend. Also erst einmal die Startunterlagen abholen und die Speiche reparieren lassen. Pustekuchen, weder der Shimanostand noch die örtliche Werkstatt hatten diese Messerspeichen, dafür aber die berechtigten Warnungen vor einer Acht.

Unsere Startzeit war 22:34 Uhr. Bei über 20.000 Teilnehmern starten ab 19.30 Uhr die Veteranen, bis um 9:30 Uhr die Sub 9-Teilnehmer*innen, in der Regel Vereinsteams, als Letzte auf die Strecke gehen – alle zwei Minuten eine 80er Gruppe. Ohne großes Gedrängel und Schubsen geht es los, der erste Kilometer durch das Städtchen Motala hinter einem langsam fahrenden Motorrad, bevor alle von der Leine gelassen werden. Es war immer noch hell. Viele Menschen in bequemen Campingstühlen saßen als interessierte Beobachter an der Straße, aber zeigten kaum Emotionen.

Nach der ersten Pause – die Spezialitäten sind lauwarme Blaubeersuppe und kleine Roggenbrötchen – wurde es dunkler, und wir waren Teil einer endlosen Schlange aus roten Lichtern. Jetzt hatten wir eine unruhige Gruppe mit etlichen Tempowechseln. Darum wagten wir uns an einige Ausreißer dranzuhängen – zu schnell für meinen Geschmack, aber bevor man alleine fährt... Also mit Tempo 35 durch Grämma – berüchtigt, weil angetrunkene Jugendliche aus den Diskotheken sich zum Anfeuern mitten auf die Straße stellen.

Die erste große Pause war in Jonköping (km 107) gegen 2 Uhr morgens. Erinnerungen an das IKEA Restaurant werden wach: Köttbullar mit Kartoffelbrei und Preiselbeeren, zum Nachtisch Weizengrütze mit Apfelmus. Um drei wird es wieder hell und direkt aus dem Ort geht es eine kilometerlange Steigung hoch, Ditmar wollte hier langsam fahren, kein anderer in der Nähe, also los! Und es lief gut, denn ich überholte viele schickste Rennräder. Ein bisschen Angst vor der eigenen Courage hatte ich schon, aber wenn es rollt... Oben angekommen ein toller Ausblick auf den Nebel über dem Vätternsee, die ich genoss, bis Ditmar für das Erinnerungsfoto da war.

Weiter ging's, dieses Mal wieder mit einer schnellen Gruppe, die uns über alle Steigungen zog. Eine nette Gruppe mit Smalltalk und nie wird irgendjemand aufgefordert, vorne zu fahren. Gut erzogen, wie ich bin, machte ich es trotzdem – ohne es hinterher bereuen zu müssen. Wieder eine kurze Pause mit Blaubeersuppe, wieder eine schnelle Gruppe und schon waren 170 km geschafft. Hier in Hoj gab es Lasagne als Hauptgang und Müsli zum Dessert, anschließend einen Kaffee (das Essen ist in jedem Jahr das gleiche und die Blaubeersuppe legendär).

Ab hier fuhr ich alleine los und fühlte mich immer noch saugut, obwohl es inzwischen 8 Uhr morgens war. Es wurde allmählich wärmer und obwohl ein paar Wolken aufzogen, blieb es nicht nur trocken, im Gegenteil: es wurde sonnig und am Ende hatten wir 24 °C. Weil ich mich ja so fit fühlte, spielte ich mit dem Gedanken die nächste Pause auszulassen, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, gestärkt mit Bananen und Brötchen für die letzten 80 km. Es ging jetzt immer auf und ab, aber nicht viel langsamer, ich fühlte mich tatsächlich immer noch gut.

Inzwischen waren auch die schnellen Vereinsgruppen unterwegs, die uns mit hohem Tempo überholten, keine Chance sich dranzuhängen, auch wenn ich auf jeden Fall vor 13.00 Uhr im Ziel sein wollte. Dazu ließ ich die letzte Pause aus und merkte jetzt, dass ich doch schon 12 Stunden Fahrrad fuhr. Weil es allen ähnlich ging, fanden sich wieder ein paar Fahrer, die sich auf den nächsten welligen 10 km gut abwechselten und das Tempo "hoch" hielten. Dann ging es auf die Schnellstraße zurück nach Motala und bei der Ausfahrt hängte ich mich mit schlechtem Gewissen an eine wirklich schnelle Gruppe, die mich ins Ziel trug. Mit der Zeit bin ich mehr als zufrieden.

Brutto 14 Stunden 23 Minuten, aber die Nettozeit meines Tachos zeigte 10h 40min bei einem 28er Schnitt. Dann kamen die vielen Belohnungen: Medaille und Urkunde abholen, das wohlverdiente Essen und Bier ins Trikot stopfen und ab zum Auto. Im nahen Park auf die Isomatte gepackt und jetzt waren die vorgeschriebenen sechs Stunden Pause angesagt, bevor wir zufrieden, satt und geduscht die Heimreise antraten. Mein Fazit: Gut genug vorbereitet, mutig genug gefahren, keine Panne oder Sitzbeschwerden, hier möchte ich noch einmal hin. Und das Hinterrad hat sich auch gerade gehalten: wir fuhren eben nicht auf Berliner Straßen.

 


© TriGe Sisu Berlin; 16.7.2017