Bericht Werdau Marathon 13.11.16

von Denise Kottwitz

Als Ende August eigentlich die Saison schon gelaufen war, rappelte es mich dann doch noch einen Marathon zu laufen. Daher musste dieser recht spät im Herbst stattfinden, es sollte möglichst ein Landschaftslauf sein und bevorzugt eine kleine Veranstaltung. Wo eine Veranstaltung dieses Formates finden? Ich stieß auf den Werdau Marathon nahe Zwickau. Dieser findet fast ausschließlich im Wald statt, zur Hälfte auf breiten Forstwegen aber auch auf Asphalt. Die Streckenführung klingt in meinen Ohren verlockend: 10,5 km in den Wald hinein (hauptsächlich bergauf), dann 2 Runden a 10,5 km im Wald (bergab und wieder bergauf) und dann die anfängliche Strecke wieder zurück (also bergab).

Neben dem Marathon kann man auch einen Halben laufen, allerdings nur als Staffel. Über eine Partnerbörse tut sich mein Mann mit einem in den USA lebenden Inder zusammen, der gerade auf Dienstreise in Deutschland ist. Wie unkompliziert interkulturell man beim Thema Sport sein kann! Dies wird uns noch bewusster als wir bei der Anmeldung Olli wieder treffen. Ihn habe ich vor ein paar Jahren in einer Oase (sprich Verpflegungsstation) beim Zagora-Marathon in Marokko getroffen, wir haben uns dann einige Kilometer gemeinsam durch die Wüste gequält. Wie schön klein ist doch die Läuferwelt.

Als ich vor ein paar Wochen beim Lauftraining mit Jochen über meine Leidenschaft für Wettkämpfe die nicht in aller Munde sind unterhalte, meint er zu meinem Plan Mitte November einen Marathon zu laufen: "Oh, da kann auch schon Winter sein". Er sollte Recht behalten. Die Ansage war minus 3 bis plus 1 Grad, aber sonnig. Mit so fünf Grad hatte ich schon gerechnet, aber diese Vorhersage ließ mich fast verzweifeln. Falls es hier zufällig männliche Leser gibt, deren Partnerin mal wieder vor dem Ausgehen klagt: "Was soll ich denn anziehen?", dem sei gesagt: das passende Kleid für die Hochzeit der besten Freundin ist leichter zu finden als das ideale Outfit für einen Marathon an der Frostgrenze. Ich entschließe mich dann für die mitteldicke Winterhose, ein Langarmshirt mit verlängerten Ärmeln zum Verstauen der Hände und zum Einsparen der Handschuhe, und ein Tuch um den Kopf, dass man eventuell verstauen kann. Leider ist in dem Outfit kein Platz für einen Fotoapparat, daher gibt es nur wenige Bilder.

Wir reisen am Vortag an. Ein Besuch der Stadt Zwickau kann man durchaus empfehlen, und natürlich auch das Horch-Museum. Selbst an Leute wie uns, die sich eher für Räder als für Autos begeistern, ist gedacht: "Fahrradbau bei Wanderer" ist ein Thema. Da der Lauf immer am Volkstrauertag stattfindet, wird wegen gesetzlicher Vorgaben erst elf Uhr gestartet. Dies entspannt nicht nur die Anreise, sondern lässt die Temperaturen auch ein wenig Richtung plus wandern. Die Sportschule Werdau bietet die Infrastruktur für den Lauf. Nach den beschriebenen interkulturellen Aktionen begeben wir uns an den Start: ca. 60 Marathonis und noch einmal so viel Staffeln. Zeitlimit ist fünf Stunden, danach ist es dunkel.

Es folgt der Start bergan. Ein passendes Starttempo beim Marathon zu finden ist immer schwer, wenn dies noch ein profilierter Lauf ist noch schwerer. Die ersten Kilometer gehen hauptsächlich bergan. Ich versuche diese so zu laufen, dass es sich locker anfühlt. Das gelingt mir auch gut. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigt zwischen 5:40-5:50. Zwischendurch es bergab. 5:17. Zu schnell? Aber die natürliche Schwerkraft zu bremsen ist ja auch blöd. So geht es hin und her. Ich beschließe die Uhr einfach da zu lassen wo sie ist, und vom Gefühl her gebremst zu laufen. Trotz der weinigen Teilnehmer ist es echt voll um mich rum. Ich bin vor allem in Begleitung mehrerer Frauen, die den Halbmarathon laufen. Nach fünf Kilometern ist mir immer noch nicht warm. Gerade die Oberschenkel fühlen sich kalt an. Aber der Wald ist ein Traum: Nadelbäume, dazwischen buntes Laub und alles unter blauem Himmel.

Bei Kilometer 10 zeigt die Uhr 56 Minuten. Halte ich in diesem Moment für gut, die bewältigten Anstiege waren auch machbar. Kurz darauf erfolgt die Hautptverpflegungsstation Weidmannsruh, hier biegen die Halbmarathonis ab. Ich bleibe fast allein, und blicke in ein kleines Tal. Dort glitzert der Weg in der Sonne. Wie schön kann sich die Natur dem Läufergemüt manchmal erweisen kann. Das Glitzern erweist sich als Matschpampe, die schwer zu laufen ist. Um die Kurve ist der Weg wieder gefroren. Dann geht es auf Asphalt. Ziemlich bergab. Ich glaube in dieser Phase hat die Freude am Laufen übertrumpft, und ich war etwas zu schnell unterwegs. Ab Kilometer 15 geht es wieder bergan. Aber wie! Mein Lauftempo fällt dramatisch. Die Uhr sagt 6:20, das Gefühl noch langsamer. Zeitlupenartig geht es voran. Ich sehe das Schild Kilometer 20, fühle mich so, wie ich mir es erst bei Kilometer 30 erhofft hatte. Trotz der Quälerei: meine Oberschenkel sind immer noch kalt. Hände, Kopf und Füße sind aber wohl temperiert. Ich nehme den Zustand so hin, kann mich dadurch dennoch am Anblick eines kleinen zugefrorenen Sees erfreuen. Dann erreiche ich wieder Weidmannsruh. Die Hälfte ist geschafft, knapp unter 2 Stunden. Kurze Verpflegung und noch mal die gleiche Runde. Das stört mich aber nicht, im Gegenteil ich fühle mich fast etwas heimisch. Obwohl ich schon jetzt weiß: das Tempo werde ich nicht halten können. Aber erstmal geht es bergab. Auf dem asphaltierten Teil überholen mich zwei Rennradfahrer. Wer fährt bitte bei diesen Temperaturen Rennrad. Ich werde schon beim Laufen nicht warm! Es geht schwer. Ich grüble, ob ich am Anfang doch zu schnell unterwegs war oder ob mir einfach auf Grund der Kälte Energie fehlt. Ich beschließe bei den Verpflegungsstationen neben meiner Gelration etwas mehr zuzulangen. Leider ist der Tee ohne Zucker, und kalte Cola traue ich mich nicht. Lieber müde Beine als einen kranken Magen. Der fiese Anstieg vor Kilometer dreißig geht auch irgendwie vorbei.

Zurück in Weidmannsruh. Bin ziemlich geschafft. Eine Frau holt mich ein, sie sieht so aus wie ich mich fühle. Sie muss gehen. Das motiviert mich, außerdem ist die Strecke jetzt wieder einfacher. Ich kann überraschend gut wieder Fahrt aufnehmen. Ich schaue auch immer wieder auf die Uhr, vergesse die Zeiten aber gleich wieder. Zum Denken ist keine Kraft mehr. Gefühlt geht es leider nicht mehr so viel bergab wie ab Anfang bergauf. Aber selbst zu diesem Zeitpunkt bin ich zufrieden diesen Marathon ausgewählt zu haben. Die Natur ist einfach grandios. Übrigens war, trotz der geringen Teilnehmerzahl, immer ein Läufer in meinem Umfeld. Lediglich jetzt am Ende bin ich wirklich allein unterwegs. Ich vermisse aber niemanden, schon gar nicht einen trötenden Zuschauer. Bei Kilometer 38 zwickt es krampfartig in den Beinen. Ich bin überrascht, dass dies bei den Temperaturen nicht eher passiert ist. Aber ich kann bis ins Ziel durchlaufen, dass man gemeinerweise noch mal mit einem Anstieg versehen hat. Geschafft: die Uhr sagt 4:11 Stunden. Damit bin ich sehr glücklich, schneller war ich bisher nur auf der Straße. Der Moderator heißt mich willkommen: "…von Sisu Berlin. Ein Verein der in den 70er und 80er schon große Athleten hervorgebracht hat!" Interessant. Statt einer Medaille gibt es für jeden Teilnehmer ein Handtuch. Nach einer Dusche nehmen wir noch einen Kaffee und plaudern mit den anderen Teilnehmern. Mit dem Anstieg auf der Innenrunde hatten sich auch andere verschätzt und von den Halbmarathonis gibt es größten Respekt bei den Temperaturen die ganze Strecke bewältigt zu haben.

Mein Fazit: Ein Lauf in toller Natur, mit netten Leuten und viel Liebe organisiert. Wen der November zu kalt ist, es gibt den gleichen Lauf noch mal im April. Ich würde wieder daran teilnehmen, auch wenn ich mir den Verlauf etwas anders vorgestellt hätte. Merke: einen Landschaftsmarathon extra vorsichtig angehen und bei kalten Temperaturen an noch mehr Energiezufuhr denken.

Mehr Infos und ein paar Fotos unter: www.werdauer-waldlauf.de


© TriGe Sisu Berlin; 20.11.2016